Saturday, January 22, 2000

Determinismus

Der Determinismus ist nicht nur ein epistemisches, handlungstheoretisches und damit juridisches Problem – inwiefern kann jemand dafür verantwortlich gemacht werden, was zwangsläufig sein musste – sondern stellt auch auch ein zutiefst logisches Dilemma dar. Schon Aristoteles hat darauf hingewiesen, dass man von Sätzen über zukünftige Er­eig­nisse nicht sagen könne, ob sie wahr oder falsch seien. Wenn aber die Bivalenz stimmt, dann muss der Satz entweder wahr oder falsch sein (tertium non datur). Damit müsste – logisch betrachtet – heute schon feststehen, welchen Wahrheits­wert diese assertorische Aussage über ein zukünftiges Ereignis hat. Das bedeutet wiederum, dass die Zukunft schon jetzt unausweichlich feststeht.
Der Ausweg wäre natürlich, die Bivalenz der Logik aufzugeben. Aber zu welchem Preis? Natürlich lassen sich mehrwertige logische Systeme konstruieren, aber diese entsprechen einerseits weitgehend nicht mehr unserem alltäglichen Sprachgebrauch (wir beantworten Entscheidungsfragen entweder mit Ja oder mit Nein – nur bei der Robert-Lembke-Show kam als Entgegenkommen gelegentlich ein Jein vor), andererseits handelt man sich große logische Schwierigkeiten ein (das logische System verliert unter anderem an Ein­deutigkeit und Klarheit, außerdem steigt die Zahl der irreduziblen Axiome oder letzten Grundannah­men).
Auch das Konzept der Wahrheitswertlücken (B. C. van Fraassen) scheint mir wenig ge­glückt, da es sich formal nur ein anderes Wort für einen dritten Wahrheitswert neben Wahr und Falsch handelt, und daher alle Probleme mit einer dreiwertigen Logik teilt.
Doch vielleicht ist das ganze auch nur ein Fehlschluss: Wittgenstein hat bereits festge­stellt, dass einen Satz verstehen nichts anderes bedeutet, als seine Wahrheitskriterien angeben zu können. Bei Aussagen über die Zukunft ist es aber gegenwärtig unmöglich, hier und jetzt gültige Wahrheitskriterien anzugeben. Das einzige Wahrheitskriterium, das es in einem solchen Fall gibt, lautet: Warten, bis das Ereignis eintritt!
Da es gegenwärtig also gar kein gültiges Wahr­heitskriterium gibt, ist die Aussage einfach solange unentscheidbar, bis dass der voraus­ge­sagte Fall eintritt. Ab diesem Zeitpunkt ist der Wahrheitswert der Aussage natürlich in alle Ewigkeit festgelegt, auch rückwirkend für die Vergangenheit. Die Verwechslung liegt nun wahrscheinlich darin, dass sich eine Aus­sage über die Zukunft anders verhält als eine Aussage über die Vergangenheit. Die Ver­gangenheit ist be­reits festgelegt – die Zukunft scheint offen zu sein. Daher ist eine Aus­sage über zukünftige Ereig­nisse noch nicht fest­gelegt. Das heißt aber nicht, dass sie nicht einen eindeutigen Wahrheitswert besitzt. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist der Wahr­heitswert dann für immer fixiert, davor hat es kei­nen Sinn, ihn als fixiert zu betrachten. Es gilt also zu unterscheiden zwischen der epi­stemi­schen Unmög­lichkeit der Angabe eines Wahrheitswertes und dem Bivalenz­prinzip, dass völlig unabhängig von epistemischen Möglichkeiten und Maßstäben Gültigkeit bean­sprucht.
In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass David Hume keine logische Verbindung von Ursache und Wirkung erkennen kann. Er weißt nach, dass der Schluss von einer Ursache auf eine Wirkung nur auf (empirisch erworbenen) Denkgewohnheiten beruht. Logisch können auch andere Zusammenhänge widerspruchsfrei sein. Insofern ist Kausalität eben nicht logisch zwingend. Damit ist auch klar, dass die Subjunktion nicht primär eine Kausalbeziehung ausdrückt, sondern nur unter anderem auch dafür verwendet wird.
Das ist aber nur die logisch-epistemische Dimension des Determinismus. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe anderer Fragen, wie die Texte von Nagel (1990), Pothast (19XX) und Dreher (1987) verdeutlichen. Meine Meinung dazu lautet, dass wir ganz unabhängig von der Frage des Determinismus unser Leben so leben und erleben, als ob wir mehr oder weniger großen Einfluss darauf nehmen können. Es bleibt uns daher im Alltag nichts an­deres übrig, als in praktischen Be­langen so vorzugehen, wie wenn wir über relativ große Freiheitsgrade verfügen würden. Es zeigt sich immer wieder, dass unser Handeln unsere Umgebung verändern kann. Handeln hat ja offen­sichtlich auch nur dann Sinn, wenn von einer Wirkung ausgegangen werden darf. Die Frage, ob nun unser Handeln selbst vor­her­bestimmt ist oder nicht, lassen wir im Augenblick unserer Entscheidung völlig unbe­rück­sichtigt. Und das ist auch gut so, denn sonst verfällt man in einen lähmenden Fatalis­mus, der uns der Entscheidungsfähigkeit beraubt.

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