Wednesday, October 28, 2015

Biologie und Ethik der Homosexualität  

Moraltheologische Seminararbeit, Graz 1992  
(ergänzt und überarbeitet 2015)




Einleitung

Da es ums Thema Homosexualität geht, muss zuvor einmal eine Begriffsbestimmung erfolgen. Der Ausdruck ist eine Schöpfung des Arztes Karoly Maria Benkert. Das Wort selbst klammert zwar psychische Komponenten aus, da es ein Verhalten (behaviour) bezeichnet, wird aber zunehmend in einem umfassenderen Sinn gebraucht. Neben der griechischen Vorsilbe homo- für „gleich“ enthält der Begriff auch das lateinische Wort sexus (Abteilung, Geschlecht). Damit kommt der ganze Komplex „Geschlechtlichkeit“ ins Spiel. In den Wissenschaften differenziert man zunächst drei Arten davon: das biologische, das soziale und das psychische Geschlecht. Und beim scheinbar so eindeutigen biologischen Geschlecht lässt sich noch ein phänotypisches von einem genotypischen unterscheiden. Aber dazu später.
Vorwegschicken muss ich daher, dass ich den Begriff „homosexuell“ im Folgenden auf zwei Arten gebrauchen werde: einerseits im engen behavioristischen Sinn und andererseits in der umfassenderen – die Psyche des Menschen einschließenden – Bedeutung.

Prämissen

Zuerst eine Tatsachenfeststellung: es gibt zumindest ein Lebewesen, von dem gilt, es ist homosexuell. Folgt man dem augustinischen Grundsatz, dass alles das, was ist, auch gut ist, dann dürfte man aus christlich-theologischer Sicht Homosexualität eigentlich nicht negativ bewerten. Denn: Ex qua est omne quicquid est, in quantum est; quia in quantum est, quicquid est, bonum est (De vera religione).
Außerdem möchte ich vorausschicken, dass ich mich in diesem Beitrag hauptsächlich auf Volker Sommer (1990) stütze.

Aufbau

Nach der Einleitung werden im Hauptteil drei Aspekte der Homosexualität aufgegriffen: Einführend wird die Biologie der Homosexualität behandelt, dann wird auf die Entstehungstheorien eingegangen, im Anschluss folgt die Bewertung der Theologie. Der Schluss befasst sich allgemein mit den Argumenten pro und contra Homosexualität.  Nachgestellt wird ein persönliches Statement.

Außer Betracht

Unbeachtet bleiben zeitliche und örtliche Aspekte (sofern sie nicht für das Verständnis relevant sind). Außerdem werde ich neben der geschichtlichen und ethnologischen auch die juridische Dimension aussparen. Wer sich speziell mit der Geschichte der rechtlichen Beurteilung von Homosexualität befassen will, dem sei das Buch von Gisela Bleibtreu-Ehrenberg ans Herz gelegt: Homosexualität. Die Geschichte eines Vorurteils. Frankfurt 1978. Darin wird auch die Gesetzgebung behandelt.

Homosexualität

1.       Bestandsaufnahme
Lange Zeit galt die Ansicht, Homosexualität sei ausschließlich bei der Art Mensch – als eine Form der Entartung – zu finden. Es handle sich also um etwas Widernatürliches. Die moderne Verhaltensforschung belegt jedoch eindeutig, dass sämtliche unter den Menschen praktizierten Varianten homosexuellen Verhaltens auch im Tierreich vorkommen. Dass dies erst in den letzten Jahrzehnten (wenn man von der Antike absieht) langsam bekannt wird, lässt sich auf mangelnde Objektivität und Sorgfalt der Ethologen zurückführen, die mit der Vorgefassten Meinung an die Sache herangingen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Und wenn solche Beobachtungen wirklich in den Protokollen notiert wurden, dann ließ man sie in der Regel als nicht relevante Ausnahmeerscheinung unter den Tisch fallen.
Demgegenüber ergaben 2000 Stunden Beobachtung bei 220 wilden Berggorillas in Ruanda insgesamt zehn sexuelle Weibchen/Weibchen-Akte. Wie lang müsste man wohl zweihundert Menschen folgen, bis es zu einem sexuellen Kontakt zwischen zwei Frauen kommt?
Um eine  kleine Bestandsaufnahme zu machen, möchte ich hier einige Belege homosexueller Spielarten unter Tieren aus der Verhaltensforschung vorstellen (nach Sommer 1990):
Bei fünf Arten von monogam lebenden Seemöwen wurden bisher lesbische Verbindungen beobachtet. Bei der südkalifornischen Art Larus occidentalis bestehen 8 bis 14 Prozent aller Paare aus zwei Weibchen. Beide verteidigen ein gemeinsames Territorium, bebalzen einander, bauen ein Nest und wechseln einander beim Brutgeschäft ab. In etwa 10 bis 20 Prozent der Fälle sind die Eier sogar befruchtet, was belegt, dass Monogamie nichts mit Treue zu tun hat.
Ein interessantes Beispiel liefert auch das Meerschweinchen (Cavia apera). In kleinen Gruppen bis zu etwa fünf Individuen beiderlei Geschlechts gelingt es dem ranghöchsten Männchen, alle Weibchen zu monopolisieren. Bei einer höheren Populationsdichte ist es dem Alpha-Männchen offenbar nicht mehr möglich, alle Weibchen zu monopolisieren, und es gibt daher mehrere Haaremsbesitzer nebeneinander.  In jedem Fall gehen die Nicht-Besitzer leer aus, weil sie den Besitzern unterlegen sind und daher keine Weibchen monopolisieren können. Etwa 10 Prozent aller Männchen entwickeln hier eindeutig homosexuelle Präferenzen. Sie adressieren ihre Interessensbekundungen – etwa mittels Anal-Schnuppern, Purr-Lauten und „Rumba“-Tanz – ausschließlich auf ein ganz bestimmtes anderes Männchen. In einem Experiment wurde ein solches Männchen in eine fremde Gruppe umgesetzt. Doch auch hier beschränkte es sich in seinem Werbeverhalten auf ein ganz bestimmtes anderes Männchen.
Die Universität Göttingen studierte seit dem Jahr 1977 das Verhalten der Leguren-Affen (Kasi johnii) in Rajasthan. Dabei wurden in 3000 Beobachtungsstunden von einer 15-köpfigen Haremsgruppe genau 524 lesbische Episoden registriert. Während des sechsjährigen Beobachtungszeitraums nahm jedes Weibchen der Gruppe sexuelle Kontakte zu anderen Weibchen auf. Das war eine entscheidende Beobachtung, denn die oft vertretene These, dass nur einige pathologische, hormonell irregeleitete Tiere ein solches Verhalten an den Tag legen, ist damit widerlegt.
Bei Bonobos oder Zwergschimpansen (Pan troglodytes paniscus), übrigens unsere nächsten Verwandten, sind sowohl in der Gefangenschaft – wie auch in der freien Natur – verschiedene homosexuelle Praktiken beobachtet werden. Sie streicheln einander gegenseitig ihre Genitalien und pressen sie in Erregung aneinander.
Die Rhesusaffen (Macaca mulatta) zeigen ein ausgeprägtes Vorspiel: Da gibt es „Schmatzen und Umkreisen“, „Küssen und Wegrennen“, „Nasenreiben“, „Verfolgungsjagden“ etc., die dann immer in einem Aufreiten mit erkennbarem Orgasmus enden. Bei Männchen wurde Analverkehr mit Ejakulation beobachtet. Oft folgt der Begegnung eine Umarmung.  Es drängt sich ein Vergleich mit menschlichem Sexualverhalten auf. Die Ähnlichkeiten bei Vor- und Nachspiel sind frappant. Zudem widerlegen diese Befunde die These, dass Homosexualität im Tierreich eine Ersatzhandlung sei und ausschließlich auftritt, wenn keine Partner des Gegengeschlechts verfügbar sind.
Sehr spielartenreich ist auch das homosexuelle Repertoir der Bärenmakaken (Macaca speciosa), das von der kalifornischen Stanford-University beschrieben wurde. Es umfasst mutuelle Stimulation der Geschlechtsteile mit Händen oder durch lecken und Saugen sowie auch Analverkehr. Besonders auffällig war die sexuell getönte Beziehung zwischen einem Alpha-Männchen und einem Heranwachsenden. Der Ältere verteidigte seinen Gefährten bei aggressiven Auseinandersetzungen, und der Jüngere kuschelte sich regelmäßig in das Bauchfell des Älteren, wobei das Alpha-Tier dessen Genitalien umfasste. Häufig begab sich der Ältere gleich nach der Begattung eines seiner Weibchen zu seinem Gespielen. Diese homosexuelle Beziehung drückt also nicht einen Mangel an Sex mit Weibchen aus, sondern weist eine stark emotionale Bindung aus.
Beim Menschen sind solche Untersuchungen ungleich schwieriger, da es sich um einen sehr intimen und subjektiven Bereich handelt. Behavioristische Methoden bilden zwar eine Basis, sparen aber wichtige psychische Aspekte der Sexualität aus. Trotzdem gibt es zurzeit immer mehr Literatur, die sich mit diesem Thema befasst.  Am bekanntesten sind die Erhebungen von Kinsey et al. (1934, 1949, 1953), da sie Pionierarbeiten auf diesem Gebiet darstellen. Sie machten damals die schockierende Feststellung, dass homosexuelles Verhalten unter Menschen weit häufiger anzutreffen ist, als bis dahin angenommen. Aus dieser Studie wurde die These abgeleitet, dass es ein sexuelles Kontinuum gibt. Grundsätzlich würden sich die Menschen gleichmäßig auf dieser Skala verteilen.
Was die Biologie ganz allgemein zum Thema Homosexualität zu sagen hat, fasst Alfred Kinsey ganz richtig so zusammen (1949): „Ob solches Erbe eine angemessene Basis dafür ist, irgendeine Aktivität als richtig oder falsch, sozial wünschenswert oder nicht-wünschenswert einzuschätzen, ist eine Frage, die wir nicht stellen, und die wir nie gestellt haben. Wir glauben jedoch, dass Sexualakte, die nachgewiesen zum stammesgeschichtlichen Erbe einer Spezies gehören, nicht als gegen die Natur gerichtet, biologisch unnatürlich, abnormal oder pervers eingestuft werden können.“ (Zitiert nach Sommer 1990)
2.       Entstehungstheorien
Viele Homosexuelle verwahren sich gegen Forschungen in Bezug auf die Ätiologie ihrer Veranlagung, da sie dahinter das Motiv wittern, letztendlich ihre Lebensform aus der Welt zu schaffen. Unabhängig davon bleibt die Sache von naturwissenschaftlichen Interesse, aus dem einfachen Grund: für Wissen selbst kann und darf es keine Zensur geben – wohl aber für die Anwendung von Wissen. Ethik kann sich niemals auf das Sein beziehen, sondern immer nur auf das Handeln.
2.1. Proximate Theorien
Proximate Theorien fragen nach den unmittelbaren Ursachen eines Phänomens. Ihre Methoden sind die Erfassung von Kausalzusammenhängen und die analytische Reduktion. Zugleich sind das auch  deren Hauptprobleme.
2.1.1.        Psychonanalyse
Am bekanntesten ist wohl die Theorie Sigmund Freuds, der von der Annahme ausgeht, dass aus einer bisexuellen Grundausstattung des Menschen ein heterosexuelles Zielstadium hervorgeht. Interessant an dieser Theorie ist einerseits, dass sich ein menschlicher Embryo am Anfang wirklich zwittrig (hermaphroditisch) darstellt, die Anlagen sind also zuerst für beide Entwicklungslinien noch offen. Erst durch hormonelle Steuerung werden die weiblichen Anteile rückgebildet und die männlich herausgeformt. Bleiben die spezifischen Hormone (vor allem Dihydrotestosteron und Anti-Müller-Hormon) aus oder sind die entsprechenden Rezeptoren defekt, so wird aus dem Embryo jedenfalls ein Mädchen (auch wenn er genotypisch männlich wäre, also ein Y-Chromosom besitzt). Man spricht daher auch von der primär weiblichen Geschlechtsausstattung des Menschen. Außerdem lässt sich die Theorie auch gut mit den Kinsey-Ergebnissen in Einklang bringen.
Im Detail besagt die Theorie Freuds, dass ein Knabe in der sogenannten phallischen Phase sein Interesse auf sein eigenes Genitale konzentriert. Beim normalen Knaben folgt auf dieses autoerotische Stadium die Zuwendung auf das andere Geschlecht in Form der Mutter. Bleibt dieser Schritt aus, so verharrt der Knabe im Narzissmus, fixiert sich auf den Penis und entwickelt sich homosexuell. Und die Folge daraus? Kastrationsangst. Sie entsteht angeblich durch die schreckliche Entdeckung, dass Mädchen keinen Penis haben. Was beim Jungen die postulierte Kastrationsangst, ist beim Mädchen in Analogie der Penisneid. Durch ihn wendet sie sich dem Vater zu. Fürchtet sie sich jedoch vor dem Penis, wird sie lesbisch.
Obwohl Freud ein Pionier auf seinem Gebiet war, gilt seine Theorie insofern als überholt, da seine Erfahrungen sehr schichtbezogen und nicht repräsentativ waren. Außerdem beruhen seine Aussagen und Begriffe oft auf Zirkelschlüssen, und sind daher weder veri- noch falsifizierbar. Somit handelt es sich eigentlich um metaphysische Modelle, die keine empirische Bedeutung haben.
2.1.2.        Prägung
Die Prägungstheorie, die auf der Instinkttheorie von Niko Tinbergen und Konrad Lorenz fußt, geht von einem amorphen sexuellen Trieb aus, der noch nicht auf ein bestimmtes Objekt gerichtet ist. Erst in einer bestimmbaren, sensiblen Phase wird vom Jungtier sozusagen „erlernt“, worauf sich dieser Trieb richten soll. Man verwendet hier allerdings den Begriff „Prägung“, da dieser Prozess in der Regel irreversibel ist. In einer Studie vom Max-Plank-Institut für Verhaltensphysiologie (Schutz 1971) wird mit Erstaunen festgehalten: „Besonders interessant sind Erpel, die das Versuchsbiotop im Frühling verlassen, und im Herbst wieder mit demselben Männchenpartner zurückkehren. Auch die Homosexualität ist also überraschend stabil.“
Weiters wird festgestellt, dass homosexuelle Tiere immer auf die eigene Art geprägt sind und dass auch bei heterosexuellen Tieren konstitutiv ein Hang zur eigenen Art wesentlich ist, da sie sich bei Abwesenheit von Weibchen mit Männchen der eigenen Art verpaaren – nicht aber mit Weibchen anderer Arten.
Die Kritiker der Prägungstheorie weisen darauf hin, dass ein direkter Vergleich zwischen Menschen und Tieren (in diesem Fall Vögel) nicht möglich sei. Experimente beim Menschen sind begreiflicherweise nicht durchführbar.
2.1.3.        Hormone
Eine hormonelle Theorie liefern Money et al. (1984) sowie Dörner et al. (1983). Föten, die genotypisch weiblich sind, erlauben prinzipiell drei bereits bekannte Ontogenesen: ist der Fötus androgenresistent, entwickelt er sich gemäß der primären Geschlechtsausstattung phänotypisch zu einem Mädchen. Es hat zwar nur kleine Brüste und bleibt unfruchtbar, entfaltet sich aber soziosexuell völlig normal zu einer heterosexuellen Frau mit durchschnittlicher sexueller Aktivität. Bei partieller Adrogenreistenz ist das Baby bei der Geburt ein (unechter) Zwitter. Es entwickelt sich soziosexuell entsprechend der anerzogenen Geschlechtsrolle, je nachdem, wie das Geschlecht des Baby gedeutet wurde. Später werden oft chirurgische Korrekturen vorgenommen.  Wird der Fötus stark androgenisiert, wird aus ihm ein heterosexueller Junge. Interessant sind die Fälle jener Föten, die zwar normal androgenisiert wurden, zusätzlich aber auch noch stark Östrogenen ausgesetzt waren. Hier dürfte laut Money die Disposition zu Homosexualität begründet liegen.
Gleiches gilt für genotypisch weibliche Föten, die sich unter Androgeneinfluss befinden. Im Extremfall entwickeln solche Kinder einen Penis. Zumindest ist das soziale Verhalten deutlich maskulinisiert und die sexuelle Orientierung nicht selten lesbisch (17% homosexuell, 48% bisexuell).
John Money betont allerdings, dass dies nur eine Disposition ausdrückt; er sieht vielmehr in soziokulturellen Einflüssen die Hauptursache für die spätere Ausformung der Sexualität. Hingegen meint Gunter Dörner, die sexuelle Identität sei primär physiologisch bedingt. Er experimentierte mit Ratten, wo es ihm gelang, mit entsprechender Hormonmanipulation das Sexualverhalten völlig umzupolen. Seine Theorie  besagt, dass die Ausdifferenzierung des Hypothalamus von der hormonellen Umgebung des Embryos bestimmt wird. Entwickelt sich der Hypothalamus unter Androgeneinfluss, so wird der Probant später meist männliches Sexualverhalten an den Tag legen. Wird der Hypothalamus hingegen östrogenisiert, ist das spätere Sexualempfinden weiblich. Ein östrogenisierter Hypothalamus reagiert gewöhnlich auf spätere Östrogengaben mit der Produktion von luteinisierendem Hormon (LH). Ein androgenisierter Hypothalamus zeigt späterhin überhaupt keine Reaktion darauf. Tatsächlich konnte Dörner zeigen – von einer unabhängigen amerikanischen Studie bestätigt – dass sowohl männliche homosexuelle Ratten wie auch ebensolche Menschen auf die Injektion von Östrogen mit einer LH-Ausschüttung reagieren. Als Ursache für das Zustandekommen dieses Syndroms gibt Dörner Stress währen der Schwangerschaft an, da hier der gewöhnliche Hormonhaushalt der Mutter aus dem Ruder läuft.
2.1.4.        Anatomie
In eine ähnliche Richtung gehen auch die Forschungen des Biologen LeVay (1991). Er behauptet, das biologische Substrat der Homosexualität gefunden zu haben. Er stellte fest, dass männliches Sexualverhalten mit einem großen interstitiellen Kern im Hypothalamus einhergeht. Mir sind keine Vergleichstudien bekannt, und daher kann ich auch nicht beurteilen, wie gut abgesichert seine Ergebnisse sind, aber sofern der Zusammenhang stimmt, ist es durchaus auch möglich, dass das soziosexuelle Verhalten und die Größe des Nukleus unabhängige Folgen einer gemeinsamen Ursache sind.
2.2. Ultimate Theorien
Ultimate Theorien fragen nicht nur nach den Ursachen einer Erscheinung, sondern auch nach deren (systemischer) Funktion. Sie sind insofern von vornherein etwas kritisch zu betrachten, da in ihnen nicht selten ein bisschen Teleologie mitschwingt. Der Ansatz ist mehr oder weniger holistisch.
2.2.1.        Fortpflanzungsregulativ
Altbekannt ist die Theorie, dass Homosexualität als Regulativ bei Überbevölkerung auftrete. Bei Ratten konnte das sogar nachgewiesen werden. Auch der zuvor erwähnte Dörner schlägt in dieselbe Bresche. Sie scheint aber aufgrund des viel zu spät einsetzenden Effekts beim Menschen als unwahrscheinlich. Außerdem scheint Homosexualität den Menschen auch zu begleiten, wenn keine Überbevölkerung vorliegt, wie man zum Beispiel aus der Geschichte weiß.
2.2.2.        Helfer am Nest
Um das relativ konstante Auftreten von Homosexualität evolutionsbiologisch zu erklären, wurde das „Nesthelfer“-Syndrom als theoretischer Ansatz herangezogen. Verzicht auf direkte eigene Nachkommen, um die Aufzucht junger Blutsverwandter zu unterstützen, ist bei verschiedensten Spezies bekannt, z.B. bei Bienen, Blaubuschhähern, Krallenaffen, Zwergmungos oder Nacktmullen. Unter den Helfern bei Mungos kommt es tatsächlich auch zu homosexuellen Kopulationen. Der selektive Vorteil liegt hier darin, dass Kopien des eigenen Erbgutes nicht nur durch die eigenen Kinder weitergegeben werden, sondern  indirekt auch über Blutsverwandte: maximal 50% über Geschwister, 25% über Neffen und Nichten und 12,5% über Cousinen. Wenn die Nutznießer altruistischen Verhaltens nahe Verwandte sind, steigt wahrscheinlich sogar indirekt der eigene Fortpflanzungserfolg. Auf alle Fälle erhöht sich so die „Gesamtfitness“ der Familie (Wilson 1975).
Wie es jedoch zu solchen „Helfern am Nest“ kommen soll, ist nicht einwandfrei geklärt. Das genetische Modell funktioniert analog der Vererbung der Sichelzellenanämie. Ein anderes Modell nimmt die (bewusste der unbewusste) Einflussnahme der Eltern auf die Entwicklung der Kinder an. Für Elter lohnt es sich, nach diesem Modell, Helfer am Nest heranzuziehen, ob durch psychische Beeinflussung oder pränatale Prägung, wenn der Fortpflanzungserfolg an unteilbare Ressourcen geknüpft ist. Nicht nur in der abendländischen Sozial- und Kulturgeschichte kennt man Syndrome, in denen Erb- und Thronfolgen, Zölibat, Kinderlosigkeit und Familiensolidarität miteinander verwoben sind.
Obwohl denkmöglich, hat diese Verknüpfung von Homosexualität, Verwandtenunterstützung und elterlicher Manipulation meiner Meinung nach einen weitgehend spekulativen Charakter.
3.       Theologie
3.1. Das Alte Testament
Die Stellungnahmen des Alten Testaments zum Thema Homosexualität sind eindeutig. Die diesbezüglichen Verbote befinden sich im 3. Mose 18/22 sowie im 3. Mose 20/13. Sie fordern die Todesstrafe. Allgemein bekannt ist vor allem die Stelle im 1. Mose 19/1-28, die Geschichte von Sodom und Gomorra. Jüngst pflegt die Stelle als Bruch des Gastrechts interpretiert zu werden; aber diese Deutung ist äußerst unplausibel, da die Vernichtung der Städte längst beschlossen war, schon bevor sich der Vorfall mit den Boten Gottes ereignete. Die Szene soll nur noch einmal post hoc Gottes Zorn rechtfertigen.
HuK-Christen[*]  möchten gern im 2. Samuel 1/26 eine alttestamentarliche Gutheißung der homosexuellen Liebe sehen, und es ist auch wahrscheinlich so, dass im Alten Bund sublime, platonische Liebe unter Männern sicher nicht untersagt gewesen ist. Aber mehr lässt sich aus dieser Stelle beim besten Willen nicht herauslesen.
3.2. Das Neue Testament
Weniger Klarheit besitzt das Neue Testament. Liest man die betreffenden Stellen (Römerbrief 1/20-31, 1. Korinther 6/9-11, 1. Thimotheus 1/8-11, Judas 5-8) unvoreingenommen, so scheinen sie eher Warnungen an die Gemeindemitglieder zu sein und nicht als Verbote,  die weltlich geahndet werden müssen. Würde man aufgrund des Verses in Römer 1/32 die Todesstrafe fordern, so müsste sie analog auch bei Geiz und Unvernunft angewendet werden. Außerdem ist die Übersetzung nicht immer korrekt. Im griechischen Originaltext steht im 1. Korinter 6/9: …ούτε μαλακοί ούτε αρσενοκοίται. Das würde in modernem Deutsch etwa so klingen: weder Weicheier noch Stricher.
Die HuK sieht gern im Vers Markus 10/21 Hinweise auf homosexuelle Tendenzen bei Jesus, doch das ist sehr wahrscheinlich eine Überinterpretation, die dem Wunschdenken erwächst.
Ich will hier aber keine Bibelexegese betreiben, zumal sie auch nicht mein Fach ist. Ich möchte nur festhalten, dass das Neue Testament zwar Homosexualität als Unsitte anprangert, wobei sich die Stellen in den Apostelbriefen nicht direkt auf Jesus zurückführen lassen, es fordert aber keinerlei Sanktionen gegenüber Homosexuellen.
3.3. Die katholische Kirche
In den Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 72 (1986) heißt es auf der Seite 4: „Die spezifische Neigung der homosexuellen Person ist zwar sicher nicht sündhaft, begründet aber eine mehr oder weniger starke Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet ist. Aus diesem Grund muss die Neigung selbst als objektiv ungeordnet betrachtet werden.“ Andererseits heißt es darin auch (Seite 12): „…dass jede Person dieselbe fundamentale Identität zukommt: nämlich Geschöpf zu sein und durch die Gnade Kind Gottes, Erbe des ewigen Lebens.“ Ist somit nicht auch der homosexuelle Mensch ein Geschöpf Gottes und daher von ihm angenommen?
Jüngst hat sich Papst Franziskus (2013) zum Thema geäußert – allerdings eher im Sinne einer diplomatischen Enthaltung. Die Kirche soll sich mit Fragen zur Abtreibung, zur homosexuellen Ehe und zur Verhütung einfach nicht befassen. Die Haltung der Kirche dazu sei ohnehin bekannt. „Homosexuelle Akte“ sind für ihn aber nach wie vor verurteilungswürdig.[†]
3.4. Die evangelische Kirche
Im Vorwort des Arbeitspapieres der rheinischen Landessynode 1992 zur „Homosexuellen Liebe“ heißt es auf der Seite 5 und 6: „Auch wenn die humanwissenschaftlichen Ergebnisse des Theologischen Ausschusses von manchen Synoden für nicht gesichert und seine biblische Auslegung für nicht nachvollziehbar gehalten werden, so ist sich doch die gesamte Synode darin einig, dass eine moralische Verurteilung von homosexuell lebenden und liebenden Menschen dem Geiste des Evangeliums nicht entspricht und seelsorglich nicht weiterführt. Darum sollen die strittigen Fragen nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg bedacht und entschieden werden.“ Offenbar hat sich hier bereits eine humanistische Haltung durchsetzen können.
Zum Abschluss diese Kapitels möchte ich noch ein Zitat aus dem Matthäusevangelium bringen (Matthäus 7/1): „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“ Selbst wenn die Homosexualität vor Gott eine Sünde ist, so steht es den gläubigen Christen dennoch nicht zu, darüber zu urteilen (Vergleiche dazu auch: Johannes 8/15; Römer 2/1, 1. Korinther 4/5).
3.5. Der Islam
Im Qur’an wird Homosexualität an keiner Stelle erwähnt, daher gibt es von daher auch keine Hinweise in Bezug darauf, wie Homosexualität im Islam zu bewerten ist. Allerdings gibt es Hadithe, die sich mit dem Phänomen befassen. Hadithe sind überlieferte Aussagen des Propheten, die zwar keine Offenbarungen darstellen, aber dennoch bei sittlich-rechtlichen Fragen herangezogen werden, sofern diese nicht durch den Qur’an abgedeckt sind. Folgender Hadith befasst sich explizit mit diesem Thema (nach Sahih Al-Buhari 1991): „Wenn jemand ein homosexuelles Verhältnis zu einem Jungen hat, darf er die Mutter dieses Jungen auf keinen Fall heiraten.“
Dieser Hadith zeigt, dass homosexuelles Verhalten ursprünglich im Islam nicht sanktioniert wurde. Ganz im Gegenteil, es kommen dieselben Inzestverbote zur Anwendung, die auch für heterosexuelle Kontakte gelten. Die rezente Ablehnung und Verfolgung von Homosexuellen, die völlig unhistorisch ist (man lese nur die Gedichte von Hafis), wurde von den europäischen Kolonialisten importiert. Leider haben viele Völker diese europäische Homophobie, die vermutlich germanischen Ursprungs war und sich in der Neuzeit im Zuge des Naturrechts  in  Europa allgemein durchsetzte, unhinterfragt übernommen und weitertradiert, während sie hier in Europa bereits wieder überwunden wurde.
4.       Schlussbetrachtungen
4.1. Argumentationsanalysen
Die naturwissenschaftlichen Untersuchungen können prinzipiell nur zu zwei Urteilen führen: Entweder ist Homosexualität als natürlich zu betrachten – oder als unnatürlich. Jede dieser beiden kontradiktorischen Behauptungen muss klarerweise durch Fakten belegt werden. Rezente Studien geben eindeutig der ersten Aussage Evidenz, vor allem, da Urteile über die Naturgemäßheit eines Ereignisses oder Phänomens nur daran gemessen werden können, ob etwas in natura vorkommt oder nicht. Somit ist Homosexualität natürlich natürlich!
Aber bleiben wir noch ein bisschen theoretisch: Falls die Frage nach der Natürlichkeit von Homosexualität empirisch nicht entscheidbar wäre, ergeben sich vier klassische Argumentationsmuster pro und kontra Homosexualität.
4.1.1.        Das Argument „contra naturam“
Wenn Homosexualität im Tierreich nicht vorkommt, ist sie moralisch abzulehnen.
Bereits im Römerbrief begegnet uns dieses Argument. Es wurde sogar noch 1974 von einem Biologen vertreten (Hunt 1974). Zwar kann der Vordersatz als widerlegt betrachtet werden, dennoch wäre das Argument gültig, falls der Nachsatz stimmen sollte, da die Wahrheit einer Subjunktion immer nur von der Wahrheit des Nachsatzes abhängt.
4.1.2.        Das Argument „ultra naturam“
Dieses Argument sagt: Gerade weil Homosexualität im Tierreich nicht auftritt, sei sie besonders hoch zu bewerten. So schreibt der Autor Pseudo-Lucian im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung (zitiert nach Sommer 1990): „Löwen kennen solche Liebe nicht, da sie nichts über Schönheit wissen, die aus Freundschaft erwächst.“
Auch hier gilt, dass zwar das Vorderglied falsch ist, die Subjunktion aber dennoch wahr sein kann (siehe 4.1.1.).
4.1.3.        Das Argument „natura animalis“
Gerade weil Homosexualität als tierisch gilt, ist sei unter Menschen abzulehnen.
Dieses frühchristliche Argument findet sich zum Beispiel in der Epistel des Barnabas (eine Apokryphe). Hier stimmt zwar das Antezedens, deshalb muss aber nicht notwendigerweise die ganze Subjunktion stimmen (siehe 4.1.1.).
4.1.4.        Das Argument „sit quid est“
Dieses – auf den ersten Blick einleuchtendste – Argument leitet aus der Natürlichkeit des Phänomens seine moralische Rechtfertigung ab: Weil Homosexualität im Tierreich vorkommt, ist sie moralisch unbedenklich.
Aber hier liegt ein typischer Fall eines naturalistischen Fehlschlusses vor, den David Hume erstmals entlarvte. Auch Katastrophen und tödliche Krankheiten wären demnach gut zu heißen. Formal ist das Argument wieder nur gültig, wenn man den Nachsatz als wahr akzeptiert (siehe 4.1.1.).
5.       Schlussfolgerung
Die Konklusion aus der Betrachtung der Argumente kann also nur lauten, dass uns die Natur prinzipiell keinen Hinweis darauf geben kann, wie etwas zu bewerten ist. Die Wahrheit der Argumente hängt in allen Fällen ausschließlich davon ab, ob man den Nachsatz für wahr oder falsch hält. Ist Homosexualität gut, so stimmen beide Argumente, die dafür sprechen. Ist sie schlecht, stimmen die beiden anderen Argumente. Das hilft uns also nicht weiter.
Im Grunde handelt es sich stets um eine ungültige Verknüpfung von normativen Urteilen mit Existenzaussagen. Es ist also in jedem Fall von einem naturalistischen Fehlschluss auszugehen. Die Natur selbst kann niemals die Grundlage einer Ethik sein: „No Ought from an Is!“
6.       Stellungnahme
Die ganze Abhandlung war bisher eher abstrakt gehalten. Doch nun will ich meine persönliche Stellungnahme dazu abgeben. Vorausschicken möchte ich jedoch, dass die menschliche Homosexualität nicht nur ein Verhalten darstellt, sondern auch Ausdruck eines psychischen Affektes ist, nämlich der Liebe!
Da uns die Natur keine Argumentationshilfen liefert, will ich utilitaristisch an die Sache herangehen. Ich stelle daher die Frage: Wem nutzt oder schadet homosexuelles Handeln?
Meine persönliche Antwort lautet: Sie schadet niemandem, nutzt aber dem physischen und psychischen Wohlbefinden der Betroffenen, daher ist sie nicht als verwerflich einzustufen.
Der Angelpunkt einer Ethik kann immer nur der oder die Nächste sein: beeinträchtigt ihn oder sie eine Handlung oder aber nicht. Nach diesem Prinzip ist alles erlaubt, sofern es keinen negativen Einfluss auf andere hat. Das wäre die strikte Formulierung. Inwieweit die Forderung in jedem Fall so strikt sein kann, ist zu diskutieren.
Zum Thema Homosexualität und Kirche meine ich, dass beide Standpunkte unvereinbar sind. Wenn Homosexuelle Christen sein wollen, müssen sie praktisch auf homosexuelle Betätigung verzichten. Eine unmenschliche Forderung.
Ist den Homosexuellen aber die Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen – die sich immer auch körperlich ausdrückt – wichtiger, dann können sie eben keine Christen sein. Dennoch ist festzuhalten, dass der Glaube (auch nach der Bibel) eine freie Entscheidung darstellt, weshalb die Kirche oder die Christen nicht das Recht haben, ihre Maßstäbe Nichtchristen aufzudrängen.
7.       Literatur
Al-Buhari, Sahih: Nachrichten von den Taten und Aussprüchen des Propheten Muhammad. Übersetzt und Herausgegeben von Dieter Ferchl. 336. Reclam, Ditzingen 1991.
Augustinus: De vera religione. Buch 1, Kapitel 11. In: Walter Rüegg (Hg): Augustinus. Theologische Frühschriften. Artemis, Zürich 1962.
Bleinbteu-Ehrenberg, Gisela (1978): Homosexualität. Die Geschichte eines Vorurteils. Fischer,  Frankfurt 1978.
Dörner, Gunter; Schenk, B.; Schmiedel, B. & Ahrens, L. (1983): Stressful events in prenatal life of bi- and homosexual men. Experimental and Clinical Endocrinology 81 (1), 83-87. Endocrine Society, Washington 1983  (zitiert nach Sommer 1990a).
Evangelische Kirche im Rheinland (1992): Homosexuelle Liebe. Arbeitspapier für rheinische Gemeinden und Kirchenkreise. Landeskirchenamt, Düsseldorf 1992.
Henning, Max  & Schimmel, A. (1960): Der Koran. Reclam, Ditzingen 1960.
Hunt, Morton (1974): Sexual Behaviour in the 1970s. Playboy Press, Chicago 1948 (zitiert nach Sommer 1990).
Kinsey, Alfred C.; Pomeroy, W.B. & Martin, C.E. (1948): Sexual Behavior in the Human Male. W.B.Saunders, Philadelphia 1948 (zitiert nach Sommer 1990a).
Kinsey, Alfred C.; Pomeroy, W.B.; Martin, C.E. & Gebhard, P.H. (1949): Concepts of normality and abnormality in sexual behavior. In: P.H. Hoch & J. Zubin (Hg.): Psychosexual Development in Health and Disease. 11-32. Grune & Stratton, New York 1949 (zitiert nach Sommer 1990a).
Kinsey, Alfred C.; Pomeroy, W.B.; Martin, C.E. & Gebhard, P.H. (1953): Sexual Behavior in the Human Female. W.B.Saunders, Philadelphia 1953 (zitiert nach Sommer 1990a).
LeVay, Simon (1991): A Difference in Hypothalamic Structure Between Heterosexual and Homosexual Men. Science, Vol. 253, 1034-1037. AAAS, Washington 1991.
Money, John; Schwarz, M. & Lewis, V.G. (1984): Adult erotosexual status and fetal hormonal masculinization and demasculinization. Psychoneuroendocrinology 9, 405-414. ISPNE, Berlin 1984 (zitiert nach Sommer 1990a).
Prostmeier, Ferdinand (1999): Der Barnabasbrief. Reihe: Kommentar zu den Apostolischen Vätern (KAV, Bd. 8). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999.
Schutz, Friedrich (1971): Prägung des Sexualverhaltens von Enten und Gänsen durch Sozialeindrücke während der Jugendphase. Journal of Neuro-Visceral Relations. Suppl. X, 339-357. Springer, Cham 1971.
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (1986): Schreiben der Kongregation für Glaubenslehre an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Seelsorge für homosexuelle Personen. Verlautbarung des Apostolischen Stuhles, Bonn 1986.
Sommer, Volker (1990a): Wieder die Natur? Homosexualität und Evolution. C.H.Beck, München 1990.
Sommer, Volker (1990b): Das Tabu. Homosexualität im Tierreich. Nature 10, 54-58. NPG, München 1990.
Wilson, Edward o. (1075): Sociobiology: The New Synthesis. Harvard University Press, Cambridge Massachusetts 1975 (zitiert nach Sommer 1990a).




[*] Homosexualität und Kirche (Verein) – in Österreich HuG (Homosexualität und Glaube).
[†] Die Zeit (online-Ausgabe der Verlagsgruppe) vom 29. Juli 2013 („Papst warnt vor Diskriminierung Homosexueller“) und vom 19. September 2013 („Papst will weniger über Homosexualität reden“).

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Monday, December 27, 2010

Utilitarismus

Das der Natur gemäße Recht ist eine den Nutzen betreffende Übereinkunft, einander nicht zu schädigen noch voneinander Schaden zu leiden. Epikur

Wenn heute vom Utilitarismus gesprochen wird, wird er zumeist als monolithischer Block dargestellt, der nur vom Nützlichkeits- oder Lustprinzip geleitet ist. Das ist eine zu enge Sicht, die vor allem von den Gegnern dieser Moralphilosophie propagiert wird. Die Wirklichkeit ist viel komplexer. Erst einmal gibt es nicht „den“ Utilitarismus, denn jeder Vertreter entwickelte seine eigene Variante desselben. Zudem ist die vorrangige Rekurrierung auf John Stuart Mill als Musterbeispiel des Utilitarismus irreführend, weil er sich selbst nicht primär als Theoretiker des Utilitarismus sah, sondern als Vertreter des Freiheitsgedankens sowie als Ökonom und Logiker. Seine – nach eigenem Ermessen – unbedeutende Schrift zum Utilitarismus sollte eher eine wertschätzende Ergänzung zu Jeremy Bentham sein. Trotzdem war seine Schrift wahrscheinlich die einflussreichste in der Utilitarismusdebatte.
Die ersten Utilitaristen – die sich auch als solche verstanden, denn die Wurzeln des Utilitarismus sind sehr viel älter – gehörten sicher zu den modernsten und progressivsten Moralphilosophen ihrer Zeit. Sie kämpften gegen die bestehenden, unhinterfragten Moralvorstellungen ihrer Epoche an. So forderte Bentham die Straffreiheit für Homosexualität sowie Rechte für Tiere und Mill die rechtliche Gleichstellung und Befreiung von Frauen und Sklaven. Revolutionäre Forderungen, die uns heute nicht mehr abwegig und skandalträchtig anmuten, damals waren sie es aber. Nicht umsonst nannten sie sich „Radikale“. Selbst Benthams älterer Zeitgenosse Kant ging nicht so weit – im Gegenteil: seine Ethik rechtfertigte die Ungleichheit, Frauen und Sklaven waren nach Kant gar nicht zur Moral fähig.
Die eigentliche Neuerung war, dass Ethik nun diskutabel wurde, und nicht mehr gottgegeben war oder auf ersten Prinzipen gründete. Alle bisherigen Moralvorstellungen wurden in Frage gestellt. Und das ist meiner Meinung nach die Haupterrungenschaft des Utilitarismus: Ethik und Moral wird nun diskutiert, analysiert, begründet und kritisiert. Im kritischen Diskurs hat Mann und Frau am ehesten die Chance, auf eine geeignete und praktikable Lösungen zu kommen, nicht indem ethische Normen autoritativ gesetzt oder als gegeben hingenommen werden. Alle geltendenden Vorstellungen dürfen und müssen kritisiert werden.
Den Utilitaristen ging es prinzipiell nicht um die Lustoptimierung, sondern sie waren auf der Suche nach empirischen Kriterien zur Beurteilung von Moralvorstellungen und ethischen Forderungen. Daher führten sie das Konsequenzprinzip ein: nur die Folgen einer Handlung können zur Beurteilung ihres ethischen Wertes herangezogen werden, die „gesellschaftliche Nützlichkeit“ (utilitas) der Handlung oder Norm ist dafür ausschlaggebend. Nach welchen Kriterien dieser Nutzen zu bewerten ist, daran schieden sich allerdings die Geister. Für die einen war es allgemeiner Lustgewinn, für die anderen mehr Glück und Freude, für wieder andere die Verminderung oder Vermeidung von Schmerz und Leid (siehe John Stuart Mill: Der Utilitarismus. Reclam, 2006, 39). Auch die Wahrung der allgemeinen Sicherheit kann als ein zentraler Nutzen der Normen innerhalb einer Gesellschaft angesehen werden (siehe John Stuart Mill: Der Utilitarismus. Reclam, 2006, 161).
Bentham schrieb zum Thema Nutzen: Unter Nutzen wird jene Eigenschaft in einem Gegenstand verstanden, die Gewinn, Vorteil, Lust, Gutes oder Glück für das jeweils betrachtete Subjekt hervorbringt... (zitiert nach Mary Warnock: Utilitarismus. London 1962, 34). Mill ergänzte, dass das Glück, das den utilitaristischen Maßstab des moralisch richtigen Handelns darstellt, nicht das Glück des Handelnden selbst, sondern das Glück aller Betroffenen ist (John Stuart Mill: Der Utilitarismus. Reclam, 2006, 53). Es handelt sich also um ein altruistisches Ethikmodell.
Was der erwartete Nutzen aber keinesfalls sein darf, ist etwas Opportunes. Das schließt Mill explizit aus (siehe John Stuart Mill: Der Utilitarismus. Reclam, 2006, 67). Opportunität kann nicht Grundlage einer Moral sein. Daher kann es auch nicht sein, dass die Interessen der Mehrheit über die Interessen einer Minderheit gestellt werden.
Auch wenn immer wieder der Satz vom größtmöglichen Glück für den größtmöglichen Teil der Menschen als zentrales Motiv des Utilitarismus angegeben wird – was sicher so auch richtig ist – darf darüber nicht übersehen werden, dass es den Utilitaristen vor allem um die persönliche Freiheit und Autonomie des leidfähigen Individuums ging. Mill selbst meinte, es gehe darum, das allgemeine Glück zu (be)fördern, er spricht nicht von Glücksmaximierung. Von vielen Utilitaristen wird daher das Glück des einzelnen nicht gegen das Glück der vielen aufgewogen. Der Schutz des leidfähigen Individuums ist immer ein zentrales Argument in allen Überlegungen, auch wenn das Gemeinwohl vorrangiges Ziel bleibt. Dieser Punkt wird von den Kritikern gerne übergangen. Mill stellte aber klar fest: Eine Gesellschaft von Gleichen kann nur unter der Voraussetzung existieren, dass die Interessen aller gleichermaßen geachtet werden (John Stuart Mill: Der Utilitarismus. Reclam, 2006, 97). Und: Die Gerechtigkeit, die gebietet, die Rechte aller gleichermaßen zu schützen, wird selbst von denen vertreten, die die ungeheuerlichste Ungleichheit der Rechte selbst gutheißen (John Stuart Mill: Der Utilitarismus. Reclam, 2006, 137).
Dworkin gibt drei Prinzipien an, die die philosophische Basis des Utilitarismus darstellen (Ronald Dworkin: A Matter of Principle. Harvard University Press 1985): 1) das Konsequenzprinzip (Ethisches Handeln oder ethische Normen haben an ihren Konsequenzen gemessen und beurteilt zu werden.) – 2) das Utilitätsprinzip (Die Konsequenzen sind nach Maßgabe ihrer Fähigkeit, einen allgemeinen Nutzen zu bringen, zu beurteilen.) – 3) das Gleichheitsprinzip (Der Nutzen ist für jedes Individuum gleich zu bewerten – es darf nicht zu einer Ungleichbehandlung oder Ungleichbewertung von Individuen kommen.) Daran zeigt sich, dass der Utilitarismus nicht primär darauf abzielt, die Interessen des Individuums gegen die Interessen der Allgemeinheit aufzuwiegen. Jeder zählt gleich viel, denn jeder zählt genau ein Mal.
Den frühen Utilitaristen ging es vor allem um die Kritik an den gängigen Moralvorstellungen. Viele Moralsysteme übernahmen und zementierten einfach gängige Vorurteile und sittliche Konventionen. Und dagegen kämpften die Utilitaristen an. Die Intuition ließen sie als Quelle der Moral nicht gelten, schließlich folgt die Intuition im Allgemeinen nur den tradierten Gewohnheiten. Und diese zeigen sich bei genauerer Analyse als oft sehr unethisch. Auch das Naturrecht ist ungeeignet, weil es den unzulässigen Schluss vom Sein auf ein Sollen vollzieht, und daher unlogisch und vernunftwidrig ist. Letztendlich lässt sich damit fast alles rechtfertigen, weil es fast alles auch irgendwo gibt. Es kommt nur auf die Auswahl der Beispiele an. So gründeten sich die Rassengesetze der Nationalsozialisten auf ein Naturrechtsverständnis.
Die Utilitaristen suchten nach einer neuen Methode, um den Wert einer gegebenen Norm empirisch prüfen zu können. Dabei entwickelten sie das Konsequenzprinzip und das Utilitätsprinzip in all ihren Varianten, ohne dabei allerdings auf das neu aufgekommene Gleichheitsprinzip zu vergessen. Es ging ihnen immer auch um den Schutz von leidfähigen Individuen.
Fitzpatrick macht das mehr als deutlich: When Bentham advocated moral consideration for animals, and the decriminalisation of consensual sex acts, it is not the consequentialist nature of his argument that was shocking, but that animals or despised minorities should be argued for at all. When Mill argued in behalf of working class women or black slaves, what offended his contemporaries is that white male aristocrates should be morally compelled to modify their behavior in response to claims originating outside their class. And when Peter Singer argues today for massive increases in aid to the third world, vegetarianism, and the ending of factory farms, it is not the consequentialism that enrages his opponents (John Fitzpatrick: Starting with Mill. Continuum 2010, 139).
Ein gutes Beispiel für das angewandte Konsequenzprinzip ist die moderne Umweltschutzdebatte: es handelt sich hier um die Frage, welche Folgen unser jetziges Handeln für die Umwelt, für die anderen Lebensformen auf der Erde und für die zukünftigen Generationen des Menschen haben wird. Die Analyse der Folgenabschätzung führt dann zu Schlussfolgerungen, die unser Handeln entsprechend beeinflussen und verändern sollten.
Entscheidend ist die Erkenntnis, dass es sowohl keine empirische, als auch keine rationale Begründung für Ethik geben kann, weshalb der Utilitarismus darauf abzielt, die konkreten Konsequenzen einer Norm oder Handlung als empirischen Maßstab zur moralischen Beurteilung heranzuziehen (siehe John Stuart Mill: Der Utilitarismus. Reclam, 2006, 105). Versuche, den Utilitarismus auch als Normsetzungsverfahren einzusetzen, können im Großen und Ganzen als gescheitert angesehen werden.
An dieser Stelle muss nun auf den positiven Rechtsbegriff eingegangen werden: Nach positivem Rechtsverständnis sind Rechtsnormen, die nach formal gültigen Regeln entstanden sind, auch rechtsgültig. Die Legitimation der Rechtsnorm ergibt sich aus ihrem Entstehungsprozess. Es handelt sich hier um eine formale Legitimation. Davon zu unterscheiden ist eine inhaltliche Legitimation, die sich nur aus der Berücksichtigung der Konsequenzen ergeben kann. Das Problem besteht darin, dass positives Recht durch die formale Legitimation zwar Rechtssicherheit erzeugt, nicht unbedingt aber auch Gerechtigkeit. Hier wären utilitaristische Kontrollmechanismen wünschenswert.
Der Rechtsutilitarismus zielt genau darauf ab. Rechtsnormen und Normsetzungsverfahren sind mit utilitaristischen Mitteln und Methoden auf ihre Eignung zu prüfen. Für die Handlungen des einzelnen sind die geltenden Rechtsnormen – sofern sie legitim zustande gekommen sind – bindend. Allerdings bleibt hier die Frage offen, ob es einem Individuum gestattet sein darf, gegen geltendes Recht aufzubegehren, wenn es dieses als falsch oder ungerecht erkennt. Der Freiheitstheoretiker Mill würde diese Frage in Hinblick auf die Gewissensfreiheit sicher bejahen.

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Thursday, September 18, 2008

Der Rhythmus, bei dem man mit muss...

Rhythmus ist die latinisierte Form des griechischen Wortes rhythmos, dass eine Ableitung des Verbums rheo (ich fließe, vergleiche dazu lat. rivus – Bach) darstellt und ursprünglich den ruhigen Wellenschlag an der Küste bezeichnet hat. Man erinnere sich nur an das Panta Rhei (alles fließt) von Heraklit. Heute ist Rhythmus ein international gebräuchliches Wort im Sinne von Puls, Takt, Metrum, Intervallfolgen, aber auch für jede andere regelmäßige Abfolge von Ereignissen oder Ereignisgruppen. Eine andere Ableitung desselben Verbums ist Rheuma (fließender Schmerz). Wenn man weiß, dass es sich bei Rhythmus um ein griechisches Wort handelt, braucht man nur dazusagen, dass es mit TH geschrieben wird, somit ist die Schreibung klar: in einem klassischen Fremdwort kann ein Ü nur durch ein Y wiedergegeben werden, und der Anlaut kann nur ein RH sein – wie bei allen griechischen Wörtern, die mit einem R beginnen. In Zusammensetzungen verdoppelt sich dieses R normalerweise, wie bei arrhythmisch, aber leider hat sich das nicht überall herumgesprochen, weshalb Biorhythmus und Polyrhythmik nur mit einem R geschrieben werden. Richtig ist hingegen, dass die Eurythmie ohne H erscheint. Die griechische Vorsilbe EU besitzt keinen Auslautkonsonanten, der mit dem Anlaut-R verschmelzen könnte (zu –RRH–), daher fällt auch das H aus, da das Altgriechische im Inlaut (außer eben bei Doppel-R) kein H kennt. Deshalb müsste es eigentlich Philarmonie und Anydrid heißen, so wie man auch Philipp (und nicht Philhipp), Tetraeder (nicht Tetraheder), Exodus (nicht Exhodus) oder Anode (nicht Anhode) sagt. Am H in Philharmonie und Anhydrid erkennt man, dass es sich hier um Neubildungen handelt, die nicht aus der altgriechischen Sprachkultur stammen. Dennoch ist das ein Zeichen für den Erfolg der klassisch-griechischen Kultur, dass es immer noch einige Wörter davon gibt, die weltweit gebraucht und verstanden werden, auch wenn die jeweiligen Aussprachen heute erheblich von der ursprünglichen Lautung abweichen. Klassisch sprach man es praktisch so aus, wie es geschrieben wurde: H-R-Y-T-H-M-O-S.

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Wednesday, October 31, 2007

Okzitanisch - Die Sprache der Trobadors

Nichts ist schwerer, als eine Sprache zu definieren. Landläufig wird eine Sprache politisch charakterisiert: ein kodifizierter Standard (Akrolekt), der innerhalb bestimmter Grenzen formale Gültigkeit besitzt, wird als eigenständige Sprache angesehen. Natürlich kann das einen Linguisten nicht befriedigen. Häufig kann ein Sprachwissenschaftler keine festen Grenzen zwischen Sprachvarianten ausmachen, somit sind Sprachen für ihn einigermaßen homogene Ausschnitte oder durch bestimmte Gemeinsamkeiten gekennzeichnete Dialektgemeinschaften innerhalb eines mehr oder weniger graduierten Kontinuums, sofern allochthone Sprachen (das sind Sprachen der Neuzuwanderer) unberücksichtigt bleiben. Und dieses Kontinuum ist nicht nur räumlich zu verstehen, sondern auch zeitlich!
Verkompliziert werden die Sachverhalte noch dadurch, dass es in vielen Regionen noch einen Schriftstandard gibt, der erheblich von den lokalen Sprachformen abweicht. Diese Situation ist in Europa vielfach zu beobachten: Das Standarddeutsche überlagert nieder-, mittel- und hochdeutsche Sprachvarianten, die starke Verständigungsbarrieren darstellen, sowie das Friesische, das eigentlich der englischen Sprache nahe steht. Das Florentinische (heute Italienisch) dominiert über die anderen ostromanischen Dialekte und über Sardisch, Katalanisch (bei Alghero), Provenzalisch, Padanisch, Venezianisch sowie über die rätoromanischen Sprachvarianten (Ladinisch, Furlan und Grischun), aber auch über Bairisch und Slowenisch als nichtromanische Sprachen. Kastillisch in Spanien überlagert Katalanisch, Portugiesisch (Galizisch) und Baskisch. Und Französisch überdeckt neben Deutsch und Baskisch als nichtromanische Sprachen vor allem das Katalanische, das Gaskonische, das Korsische und das Okzitanische. Dafür wurde der südslawische Standard Serbokroatisch jüngst in drei bis vier mehr oder weniger eigenständige Sprachen aufgespaltet – wo eigentlich keine Verständigungsbarriere besteht.
Für Roger Bacon und seine Zeitgenossen waren übrigens alle romanischen sprachen nur Dialekte des Latein: Die Mundart ist eine von jeder andern unterschiedene Sonderart einer Sprache, wie das Pikardische, Französische und Provenzalische; denn die lateinische Sprache ist in allen ein und dieselbe der Substanz nach, aber je nach der Mundart variiert.
An diesem Zitat wird deutlich, wie ideologiegeprägt die Trennung von Sprache und Dialekt im Allgemeinen ist. Der Umfang des Begriffs Dialekt hängt vor allem davon ab, was als eigenständige „Sprache“ akzeptiert wird. Und hier scheint primär das Vorhandensein einer eigenen Schrifttradition ausschlaggebend zu sein.
Sprachen werden landläufig politisch definiert, wobei die Verschriftlichung eine entscheidende Rolle für die politische Präsenz spielt. Sprachen werden meist nur dann als eigenständig wahrgenommen, wenn sie auch ein standardisiertes Schriftsystem und ein offizielles Territorium besitzen: „A shprakh iz a diyalekt mit an armey un a flot“, konstatierte daher Max Weinreich ganz richtig (Yivo-bleter 25.1.13. – New York 1945).
Die Sprachwissenschaft geht hier natürlich anders vor. Viele Anthropologen und Linguisten geben als Minimalkriterium für die Kategorisierung einer selbständigen Sprache die Verständigungsbarriere an. Ein empirisches Mittel für die Statusbestimmung ist die lexikostatistische Distanz: Differiert der Wortschatz zweier Sprachvarianten stark, werden sie als eigenständige Sprachen betrachtet. Ist das Vokabular hingegen weitgehend deckungsgleich, gelten Sie als Dialekte einer Sprache. Diese messbare Feststellung der taxonomischen Distanz zweier Sprachvarianten ist seit den 1960er Jahren unter Linguisten in Gebrauch und seither ständig verfeinert worden.
Sprachwissenschaftlich betrachtet gehört das Okzitanisch zur galloromanischen Sprachengemeinschaft, die wiederum zum westromanischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie zählt. Damit sind schon einige Grundcharakteristika festgelegt: Als Angehörige des Indogermanischen handelt sich um eine flektierende Sprache mit zum Teil heteroklitischen Stämmen (das sind Wortstämme mit wechselndem Lautbild) und einem relativen Übergewicht an Konsonanten im Vergleich zu den Vokalen. Und während die ostromanischen Sprachen (Hauptvertreter sind Italienisch, Korsisch, Rumänisch, Aromunisch und das ausgestorbene Dalmatinisch der ostadriatischen Küstenstädte) die nichtpalatalisierten Velarplosive /g/ und /k/ vor hellen Vokalen (e und i) durch ein nachfolgendes H kennzeichnen (gh~ und ch~), schreiben die westromanischen Sprachen hier üblicherweise gu~ und qu~. Hier verweist gerade das H orthographisch meist auf eine Palatalisierung hin (z.B. fran.: chat, chevalier – span.: noche, hacha – port.: piranha, alho). Damit lässt sich meist schon an Hand des Schriftbildes eine Unterscheidung treffen. Strukturell unterscheiden sich beide Gruppen vor allem durch die unterschiedlichen Pluralbildungen beim Nomen: während die westromanischen Sprachen den Plural mit einem Suffix ~S markieren, bilden die ostromanischen Sprachen den Plural durch Vokalwechsel im Auslaut. Der Grund liegt im spätlateinischen Flexionsverfall, wo nur noch je zwei Fälle im Singular und Plural erhalten geblieben sind: caballus (Nominativ Singular), caballu (Akkusativ Singular), caballi (Nominativ Plural) und caballos (Akkusativ Plural). Im Osten erhielt sich im Plural die Nominativbildung, während im Westen die akkusativische Form bestehen blieb. Diese Abweichung scheint mit dem generellen Ausfall des auslautenden ~S in den ostromanischen Sprachen einherzugehen (ital.: tre – span.: tres / ital.: hai – span.: has / ital.: siamo – span.: somos). So kam es zur Trennung zwischen Ost- und Westromanisch. Nur das Sardische fällt aus diesem Schema heraus, da es vom Lautbild her noch sehr nahe beim klassischen Latein liegt (alle orthographischen C werden mit dem K-Laut wiedergegeben).
Daneben gibt es auch die weniger übliche Einteilung in zentralromanische und randromanische Sprachen: die romanischen Sprachen in Mitteleuropa haben zum Teil strukturelle und lexikalische Neuerungen, die die Randgruppen nicht erreichten, sodass die balkanromanischen und die iberoromanischen Sprachen einen etwas archaischeren Sprachstatus repräsentieren.
Die westromanischen Sprachen lassen sich wieder in die galloromanische und die iberoromanische Gruppe untergliedern – wobei die Zuordnung der einzelnen Sprachen nicht immer ganz klar ist. Die galloromanischen Sprachen im Gebiet vom heutigen Frankreich teilen sich prinzipiell in zwei Gruppen – nördlich und südlich der Loire: den nördlichen Langues d’oïl (vom altfranzösischen Wort oïl für ja) und den südlichen Langues d’oc (vom altokzitanischen Wort òc für ja). Von der letzten Bezeichnung stammt auch der Name für die Region Languedoc, die aber nur einen Teil des gesamten Sprachgebietes abdeckt. Beide Wörter (oïl und òc) entwickelten sich unabhängig aus der vulgärlateinischen Wendung hoc ille, die eine Zustimmung ausdrückte. Diese Unterscheidung wurde erstmals von Dante di Alighieri in seinem Werk De vulgari eloquentia (um 1300) getroffen, der sie auch noch von den Langues de si trennte. Das moderne Französisch ist ursprünglich der Pariser Dialekt der Langues d’oil – das so genannte Pikardische. Das Okzitanische – ein Begriff aus dem Mittelalter, unter welchem heute wieder die Langues d’oc zusammengefasst werden – untergliedert sich wiederum in regionale Dialekte. Im Norden umfasst es das Limousinische, das Auvergnatische und verschiedene alpine Varietäten (Piemont). Im Süden setzt es sich aus dem Languedokischen, dem Provenzalischen (Proensal) und dem Nissart (im Gebiet von Nizza) zusammen. Strukturell steht das Okzitanische dem Katalanischen näher als dem Französischen, nur die Orthographie ist mehr dem Französischen angeglichen, während das Katalanische sich an das kastillische Vorbild anlehnt. Vom Wortschatz her betrachtet sind die drei Gruppen (Französisch, Okzitanisch und Katalanisch) eher dem galloromanischen Bereich zuzuordnen und heben sich in dieser Hinsicht vom Iberoromanischen ab: port.: azul -- span.: azul – katal.: blau – okzit.: blau – fran.: bleu. Da aber der fränkisch-normannische Einfluss im Süden des heutigen Frankreichs weniger stark war, behielt das Okzitanische (wie auch das Katalanische) im Vergleich zum Französischen eher seinen romanischen Charakter.
Eine Mittelstellung zwischen den Langues d’oil und den Langues d’oc nimmt das Arpitanische ein, das zwar über keinen Standard verfügt, aber sich doch deutlich von beiden Gruppen abhebt. Es wird in der westlichen Aplenregion (Schweiz, Italien, Frankreich) und um Lyon (Rhônetal und Savoyen) gesprochen.
Im 12. Jahrhundert entwickelte sich das Okzitanische zu einer eigenständigen Kultursprache – vor allem als Trägerin der Trobaire-Dichtung – die weit in den romanischen Umraum ausstrahlte und die Nachbarsprachen nachhaltig beeinflusste. Die Trobadors (Einzahl: trobaire – fran.: trouvère, später hat sich als Lehnwort aus dem Süden die Form troubadour durchgesetzt) sahen sich als „Schöpfer“ einer neuen Dichtkunst, die den Frauendienst und die Verehrung der holden Weiblichkeit zum Inhalt hatte und dafür die Volkssprache verwendete. Durch die rege Wandertätigkeit der Minne-Sänger entstand ein recht einheitlicher Sprachgebrauch für diese Dichtung, der sich auch auf die Nachbargebiete ausdehnte. Die Breitenwirkung dieser Trobaire-Dichtung war so groß, dass zum Beispiel im benachbarten Katalonien jener Zeit die Prosatexte in Katalanisch und die Lyrik auf Okzitanisch verfasst wurden. Der Albigenserkreuzzug brachte dieser Blüte jedoch ein jähes Ende.
Der französische König Philipp II. nutzte nach kurzem Zögern 1209 den Aufruf von Papst Innozenz III. zum Religionskrieg und überfiel kurzerhand den geschwächten Süden. 1229 war diese gewaltsame und päpstlich abgesegnete Annexion durch Ludwig VIII. abgeschlossen, nachdem zuvor ein nicht unerheblicher Teil der ansässigen Bevölkerung getötet worden war. Die Inquisition trug in den Folgejahren das ihre zur Ausrottung vieler autochthoner Sprecher bei. Durch die staatliche Zentralisierung von Ludwig XIV. wurde das Okzitanische als Unterrichtssprache abgeschafft und der Gebrauch vollständig auf den privaten Alltag zurückgedrängt. Verschärft wurde diese Politik seit der Französischen Revolution 1789. Mit der neuen Idee der Nationalstaatlichkeit, die nur eine Amtssprache pro Staat (ist gleich Nation) erlaubte, wurden sukzessive alle anderen Sprachen im Staatsgebiet systematisch eliminiert. Dabei kam eine perfide Pädagogik zur Anwendung: Falls ein Schüler im Unterricht versehentlich ein nicht-französisches Wort benutzte, bekam er einen Holzstab in die Hand, den er solange behalten musste, bis ein anderer ein falsches Wort gebrauchte. Dann durfte er den Stock weitergeben. Am Ende des Schultages wurde jener Schüler für das Sprachvergehen bestraft, der den Stab zuletzt innehatte.
Nahezu alle Staaten Europas folgten diesen Verdrängungsprozess von Sprachen nach französischem Vorbild. Erst heute wird erkannt, welchen kulturellen Verlust diese Sprachpolitik bewirkt. Daher existieren nun Bestrebungen, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten oder sie gar umzukehren. So existiert jetzt eine kodifizierte okzitanische Literatursprache, deren Richtlinien vom Institut d’estudis occitans in Tolosa (Toulouse) ausgearbeitet wurden. Leider wird dieser Standard aber nur von einem Teil der noch existierenden Sprecher angenommen – vor allem in der Provence wird um die Anerkennung eines eigenen provenzalischen Standards (Proensal) gekämpft. Heute gibt es im Süden Frankreichs noch schätzungsweise zwei bis drei Millionen Sprecher des Okzitanischen, wobei es sich vorwiegend um ältere Menschen auf dem Land handelt. Amtssprache ist es neben Kastilisch nur im Val d’Aran in Spanien (Aranesisch).

Ein Textbeispiel (Lyrik) auf Alt-Okzitanisch von Giraut de Bornelh (zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts):
Reis glorios, verais lums e clartatz,Deus poderos, Senher, si a vos platz,Al meu companh siatz fizels aiuda;Qu’eu no lo vi, pos la nochs fo venguda,Et ades sera l’alba!
Glorreicher König, wahres Licht und wahrer Glanz,mächtiger Gott, Herr, wenn es Euch gefällt,seid meinem Gefährten ein treuer Beistand;denn seit Anbruch der Nacht sah ich ihn nicht,und schon bald wird der Morgen dämmern!

Hauptwörter im Vergleich:
Lat.: *carbonis – rum.: cărbune – ital.: carbone – fran.: charbon – oczit.: carbon – katal.: carbó – span.: carbon – port.: carvão (Kohle)
Lat.: frater – rum.: frate – ital.: frate – sard.: frade – fran.: frere – okzit.: fraire – katal.: frare – port.: frade (Bruder)
Lat.: homo – rum.: om – ital.: uomo – sard.: omine -- fran.: homme – okzit.: om – katal.: home – span.: hombre – port.: homem (Mann, Mensch)
Lat.: nox – rum.: noapte – ital.: notte – sard.: notte – fran.: nuit – okzit.: noitz – katal.: nit – span.: noche – port.: noite (Nacht)
Lat.: piscator – ital.: pescatore – sard.: piscadore – fran.: pêcheur – okzit.: pescaire – katal.: pescaire – span.: pescador – port.: pescador (Fischer)
Lat.: sanguis – rum.: sînge – ital.: sangue – sard.: sámbene – fran.: sang – okzit.: sancs – katal.: sanc – span.: sangre – port.: sangue (Blut)
Lat.: virtus – rum.: vărtuţi – ital.: virtú – sard.: virtude – fran.: vertu – okzit.: virtutz – katal.: virtut – span.: virtud – port.: virtude (Tugend)

Literatur:
Baier, Wilhelm Richard & Zinko, Christian (Hg.): Die Sprache ist die Seele eines Volkes – Die großen Sprachfamilien. Leykam, Graz 2004.
Baier, Wilhelm Richard: Diktyagogik – Bildung mit und ohne Netz. In: Wilhelm Filla (Hg.): Magazin für Erwachsenenbildung. Heft 193. 9—12. Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien 1999.
Bodmer, Frederick: Die Sprachen der Welt. Geschichte – Grammatik – Wortschatz in vergleichender Darstellung. 58—67. Kiepenhauer und Witsch, Köln und Berlin.
Collider, Björn: Sprache und Sprachen. Einführung in die Sprachwissenschaft. Helmut Buske, Hamburg 1978.
Crystal, David: Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache. Deutsche Ausgabe von Stefan Röhrich u.a. Campus Verlag, Frankfurt & New York 1995.
Haarmann, Harald: Kleines Lexikon der Sprachen. Von Albanisch bis Zulu. C.H.Beck, München 2001.
Haarmann, Harald: Lexikon der untergegangenen Sprachen. C.H.Beck, München 2002.
Keller, Rudi: Sprachwandel – Von der unsichtbaren Hand in der Sprache. UTB 1567. A.Francke, Tübingen 1990.
Kremnitz, Georg: Das Okzitanische – Sprachgeschichte und Soziologie. Romanistische Arbeitshefte 23. Max Niedermeyer Verlag, Tübingen 1981.
Lausberg, Heinrich: Linguística Românica. 2.a Edição. Fundação Calouste Gulbenkian, Lisboa 1963.
Metzing, Dieter (Hg.): Sprachen in Europa – Sprachpolitik, Sprachkontakt, Sprachstruktur, Sprachentwicklung, Sprachtypologie. Bielefelder Schriften zur Linguistik und Literaturwissenschaft. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2003.
Pilch, Herbert: Empirical Linguistics. UTB 432. A.Francke, München 1976.
Schlösser, Rainer: Die romanischen Sprachen. C.H.Beck, München 2001.

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Tuesday, June 24, 2003

Die Kerze als Symbol des Lebens

Die Flamme als Symbol des Lebens…
Schaun Sie sich eine Kerze an. Das Beispiel ist zwar nicht ganz ideal, doch aus kulturgeschichtlicher Sicht ist es naheliegend. Die Flamme zeigt uns – bis auf kleine Fluktuationen durch Bewegungen der Luft – ein konstantes Erscheinungsbild. Doch in Wirklichkeit ist sie in ständigem Wandel begriffen. Die Flamme zehrt vom Wachs der Kerze und setzt es in Kohlendioxid, Wasser und Ruß um. Die Flamme ist also von einem stetigen Materialdurchfluss gekennzeichnet, wobei jedoch der Wert der eingehenden Stoffe höher liegt als der der entlassenen. Die Flamme braucht also für ihren Bestand hochwertige Substanzen, die sie in niederwertige umsetzt. Die dabei freigesetzte Energie prägt das Erscheinungsbild der Flamme.
Das Leben funktioniert analog. Auch dort werden hochwertige Substanzen oder hochwertige Energieformen in niederwertigere umgesetzt, um eine geordnete Struktur aufrecht zu erhalten. Das Lebe-wesen erscheint uns dabei in einer gewissen Konstanz, doch materiell handelt es sich dabei immer um etwas Neues.
Karl Ludwig Bertalanffy (1901-1972), der Begründer der Systemtheorie, bezeichnete daher lebende Systeme als Fließgleichgewichte. Auch ein Fluss zeigt sich uns immer als derselbe Fluss, obwohl er sich nie aus demselben Wasser zusammensetzt. Bereits Heraklit stellte fest, dass man nicht zweimal in denselben Fluß steigen könne. Heute sagt man dazu nicht mehr Fließgleichgewicht, sondern Stationäres Ungleichgewicht (steady state), da es sich dabei um etwas Grundverschiedenes vom thermodynamischen Gleichgewicht handelt. Ein anderer Systemtheoretiker ist Lotfi Zadeh (*1921). Allerdings beschäftigte er sich mehr mit der unbelebten Natur.

Ordnung und Unordnung in der Natur
Bevor ich auf die Bedeutung der Entropie auf belebte Systeme eingehe, möchte ich über den Begriff Ordnung bzw. Unordnung sprechen. Ordnung bezieht sich aus thermodynamischer Sicht auf Strukturiertheit, Kompexität, Inhomogenität, Ungleichgewicht, Dynamik (sowohl auf materieller als auch auf energetischer Seite: Arbeitsfähige Energie. Materie ist ja nur eine Erscheinungsform der Energie). Unordnung ist demnach Homogenität, Strukturlosigkeit, Dispersivität, Gleichgewicht. Von Natur aus laufen alle Prozesse in Richtung des zweiteren Zustandes ab. Denken Sie nur an die erwähnte Flamme. Oder denken Sie an ein Parfümfläschchen, das offen stehen gelassen wird. Die Duftpartikel werden sich im Raum verteilen - jedoch nie wieder gesamt in den Flacon zurückfinden. Oder denken sie an eine zerbrochene Vase - niemals werden sich die Teile wieder zu einer Vase zusammenfinden. Niemand würde so etwas je erwarten. Trotzdem sind das rein statistische Erscheinungen, theoretisch wäre durchaus auch das Gegenteil möglich. Doch in der Natur finden sie dieses nicht. Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik ist daher rein empirisch (wie auch die Kausalität), allerdings sehr gut bewährt.

Entropie
Der Entdecker des Energieprinzips war Julius Robert Mayer (1814-1874). Er eruierte auch das Wärmeäquivalent (also die Wärme, die einer Arbeitseinheit entspricht; heute hinfällig, da alle Energieformen in Joul gemessen werden). Er begründete damit die Energetik (Energie = Akt = Wirksamkeit; Dynamis = Potenz = Vermögen). Den exakten 2. Hauptsatz formulierte Rudolf Clausius (1822-1888). Er führte auch den Begriff der Entropie (Innewendung) ein.
Wie lautet nun der 2. Hauptsatz? Es gibt mehrere Varianten:
            1.         Es gibt kein perpetuum mobile 2. Art
Dieser Satz besagt, das z.B. die Kerze nicht brennen kann, wenn man ihr nicht ständig Energie zuführt. Es ist nicht möglich, eine Maschine zu konstruieren, die läuft, und dabei nicht mehr Energie verbraucht als sie freigibt.
            2.         Es gibt keinen Wirkungsgrad von 100 Prozent
Dieser Satz ist äquivalent mit dem 1. Satz vom Perpetuum Mobile 2. Art. Keine Maschine kann je einen Wirkungsgrad von 100 Prozent erreichen, also genau gleichviel Energie verbrauchen, als ihrer Leistung entspricht. Sie wird immer beträchtlich mehr benötigen.
            3.         Alles strebt einer maximalen Unordnung zu (in einem geschlossenen System)
Dieser Satz drückt aus, dass alle Prozesse im Universum letztendlich in einem Zustand größter Homogenität enden. Dieser Satz beinhaltet auch den Zeitpfeil, da er die Irreversibilität vieler Vorgänge ausdrückt. Ludwig Boltzmann hatte diesen Aspekt erstmals in die allgemeine Physik eingeführt (statistische Mechanik). Henri Poincaré erklärte das Phänomen so: Mit einem aus atomaren Teilchen bestehenden, instabilen dynamischen System können Sie niemals ein Experiment machen, in dem die Vergangenheit und die Zukunft gleich sind. Wenn wir mit Teilchen der gleichen Geschwindigkeit anfangen und dann Stöße geschehen lassen, so wird die Sache mit zufälliger Geschwindigkeit enden. Aber wir können das umgekehrte Experiment gar nicht machen. Es gibt keine reversiblen Experimente. Deshalb ist die Welt zeitlich organisiert.
            4.         Nichts hält ewig
Das besagt prinzipiell dasselbe, wie der vorangestellte Satz.
Die Entropie zeichnet sich also durch eine gewisse Asymmetrie aus: Sie kann in einem geschlossenen System bestenfalls konstant bleiben (bei reversiblen Prozessen) oder zunehmen (bei irreversiblen Prozessen). Sie kann allerdings nicht abnehmen.

Dissipatives Leben
Wie ist es möglich, dass, wenn der Entropiesatz stimmt, sich dennoch geordnete, scheinbar negentropische Strukturen – wie eben das Leben – etablieren können? Nun, betrachtet man ein Lebewesen unabhängig von seiner Umwelt, könnte man diesen Eindruck gewinnen. Isoliert man das Lebewesen aber davon, erkennt man bald, dass es ohne sie nicht existieren kann, es ist auf irgendeine Weise von ihr abhängig. Betrachte man nun einen größeren Zusammenhang, so erkennt man, dass das Lebewesen nur lebt, weil es ein offenes System ist, das selbst Entropie erzeugt. Es handelt sich also um eine Entropiemaschiene, die die natürliche Entropiezuwachsrate beschleunigt und aus dieser Dynamik seine Strukturen aufbaut. Man nennt solche Systeme dissipativ. Leben frisst hochwertige Energie und baut daraus einerseits autopoetisch seine Strukturen auf und andererseits setzt es diese Energie dissipativ in niederwertige Energieformen um. Leben muss also, um sich selbst zu erhalten, viel mehr Ordnung zerstören, als es selbst darstellt. Das lässt sich ganz anschaulich anhand der Energiepyramide des Meeres darstellen.

Die Energiepyramide
Im Gegensatz zum Stoffkreislauf durchläuft die Energie ein Ökosystem nur einmal! D.h. sie wird vom Ökosystem verbraucht. Die arbeitsfähige Energie stammt letztendlich von der Sonne und etwa 0'5% dieser Primärenergie wird von den Algen (bzw. Pflanzen) chemisch gebunden (dabei wirken Phosphat und Nitrat als begrenzende Faktoren). Sie sind die Produzenten. Die Konsumenten verschiedenster Ordnung veratmen einen Teil dieser energiereichen Stoffe der Produzenten. Dabei entsteht etwa zu 40% ATP als Energieträger. Der Rest ist wertlose Abwärme (der Mensch verbraucht pro Tag etwa 70kg ATP). Bei Pflanzenfressern schlägt sich daher etwa 20%, bei Fleischfressern nur etwa 10% der pflanzlichen Ausgangsmaterials in ihrer Biomasse nieder. Am Ende der Kette stehen die Destruenten, die die zum Teil noch energiereichen Abfälle der Produzenten und der Konsumenten dezentral umsetzen. Dieser permanente Energieverlust in Form der Abwärme und die damit verbundene Entropiezunahme ist ein irreversibler Prozess und kann nur durch ständige Absorption von Sonnenenergie und deren Festlegung bei der Photosynthese kompensiert werden.
Beispiel: 50t Phytoplankton ergeben sukzessive: 10t Zooplankton, 1t Heringe und 100kg Thunfisch oder Dorsch.
           
Offene Systeme
Offene Systeme zeichnen sich durch einen Energie- bzw. Materiedurchfluss aus. Dadurch können sich negentropische Strukturen etablieren. In geschlossenen Systemen wäre das nicht möglich. Hier folgt unweigerlich der Kältetod. Die Erde steht irgendwo dazwischen. Es gibt keinen Materieaustausch mit der Umwelt, sehr wohl findet jedoch ein Energiedurchfluss statt. Insofern könnte man unseren Planeten als halboffen bezeichnen.
Dem Entropiesatz kommt auf unserer Erde noch eine entscheidende Bedeutung zu, da sich die niedermolekularen Abfallstoffe der Pflanzen und der Tiere dissipativ verteilen. Das ist wichtig, da die Tiere auf den Sauerstoff der Pflanzen, und die Pflanzen auf das Kohlendioxid der Tiere angewiesen sind. So ergeben sich stoffliche Kreisläufe, die ein vollkommenes Recycling-System darstellen.

Autopoesie
Belusow und Zhabotinsky entdeckten eine Reaktion, in der sich spontan geordnete Strukturen ergeben. Gibt man Malonsäure, Bromat und Cer-Ionen in eine flache Schale mit Schwefelsäure, so entstehen bei der richtigen Temperatur faszinierende Schnörkel. Kommt es an einer Stelle zufällig zu einer Anhäufung heller Moleküle, so fördern diese durch Katalyse die Erzeugung weiterer heller Moleküle. So vermehren sich in einem gewissen Bereich die hellen Moleküle, in einem benachbarten Bereich aber die dunklen stärker. Dadurch kommt es zu einer Strukturierung der Lösung. Dank der in der Reaktion ständig frei werdenden Energie entsteht Ordnung. So ähnlich stellt man sich auch die Entstehung des Lebens vor - Leben wird ja neuerdings als Autopoetische Einheit definiert.

Gleichgewicht und Ungleichgewicht
Normalerweise besitzen Biozönosen ein ausgeklügeltes System von Regelkreisen, die das Stationäre Ungleichgewicht aufrecht erhalten. Vielleich wäre es zuvor noch gut, den Begriff des Gleichgewichts zu klären:
Wir unterscheiden Grundsätzlich zwischen statischen und dynamischen Gleichgewichten. Bei den statischen unterscheidet man labile, stabile und indifferente Gleichgewichte. Besonders Interesse verdienen metastabile Zustände.
             (Vergleich: statisches Gleichgewicht – Metastabilität – dynamisches Gleichgewicht)
Lebensprozesse kennzeichnet allerdings ein Ungleichgewicht, d.h. es kommt zu keiner materiellen Konstanz - Materie und Energie durchfließt das System. Regelkreise steuern und stabilisieren diese Ungleichgewichte.

Kybernetik
Der Begründer der Kybernetik war Norbert Wiener (1894-1964). Es ging dabei allerdings ursprünglich nur um technische Informationssysteme. Das Wort leitet sich vom griechischen Kybernetes (Steuermann) ab, sagt also schon aus, das es um Steuerungen geht.
Bei den Regelkreisen unterscheidet man grundsätzlich zwei Typen: positive und negative. Lassen Sie sich durch die Namen nicht in die Irre leiten – sie haben nichts mit einer Bewertung zu tun. Beginnen wir mit dem negativen Regelkreis:
Ein Thermostat ist das einfachste Beispiel für einen negativen Regelkreis. Die Raumtemperatur veranlasst den Thermostat die Heizung zu schalten, die Heizung wirkt sich auf die Raumtemperatur aus und diese widerum beeinflusst den Thermostat. In der belebten Natur sind fast alle Vorgänge nach solchen Regelkreisen organisiert, da sie die Statischen Ungleichgewichte stabilisieren.
Ein brisantes Beispiel für einen positiven Regelkreis ist der Verkehr. Je mehr Autos gekauft werden, umso mehr Bedarf sowie Geldmittel stehen dem Straßenbau zu. Der Straßenausbau begünstigt wieder das Verkehrsaufkommen. Dieses begünstigt abermals den Autoabsatz. Ein weiters Beispiel für einen positiven Regelkreis ist die Bevölkerungsexplosion.        
                        dN/dt = rN
                        dN/dt = rN (1 - N/K)

Natürliche Populationen regulieren sich nach dem Volterra-Prinzip. Es handelt sich dabei um einen sogenannten Grenzzyklus, d.h. der Bestand oszilliert innerhalb eines wohldefinierten Zyklus um einen Mittelwert. Dadurch wird Übervölkerung verhindert.
                        dN1/dt = r1N1
                        dN2/dt = - r2N2
                        dN1/dt = (r1 - v1N2)N1
                        dN2/dt = (- r2 + v2N1)N2
                        dN1/dt = dN2/dt = 0

Wenn Räuber und Beute (in diesem Fall Schädlinge) durch Schädlingsbekämpfungsaktionen gleichermäßig dezimiert werden, so wächst die Populationsdichte der Beute (des Schädlings) schneller als die des Räubers. Über längere Zeiträume vermag dann eine zu geringe Räuberdichte den Zuwachs des Schädlings nicht mehr zu kontrollieren. Heute wird vielfach unter dem Zwang von Augenblickserfolgen und in Unkenntnis der ökologischen Verflechtungen das biologische Gleichgewicht in immer stärkerem Maße gestört.

Wirtschaftswachstum
In der Regel ignorieren die Wirtschaftsforscher die versteckten Kosten, die ein deregulierter Welthandel der Umwelt und dem Gemeinwesen aufbürdet. (...) Transportkosten sind energieintensiv. (...) Mit der Energie wird indirekt der Handel subventioniert. (...) Der freie Güteraustausch kann zudem höchst unsinnige Folgen haben. Im Gegensatz zur Regel komparativer Kostenvorteile besteht mehr als die Hälfte des Handels aus dem gleichzeitigen Import und Export gleichartiger Güter. Zum Beispiel importieren die Amerikaner dänische Kekse und die Dänen amerikanische. Der Austausch der Rezepte wäre sicherlich wirtschaftlicher – und würde auch eher der Maxime von Keynes entsprechen, dass das Wissen international sein sollte und die Waren hausgemacht (Daly 1994).
Geld ist beispielsweise kein natürlicher Faktor in der Welt - Geld ist ein Artefakt. Der relevante natürliche Faktor ist die Energie. Die Wirtschaft und unsere ganze Gesellschaft setzen sich leider über diesen Faktor in erschreckender Weise hinweg. Kunststoff- und Aluminiumverpackungen, Transporte etc. kosten kaum Geld, dafür aber umso mehr an Energie. Die Vielfalt an Produkten aus aller Welt stellt ein ernsthaftes Problem für unsere Umwelt dar. Auch wenn wir es zurzeit noch kaum merken, über kurz oder lang wird sich dieser ungezügelte Umgang mit Energie rächen.
Dass die gängigen Paradigmen sehr problematisch sind, zeigt sich an den Folgen für unsere Umwelt. Vom egoistischen Standpunkt aus betrachtet ist ständiges Wachstum ein erstrebenswertes Gut; vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus führt es wie jeder positive Regelkreis (d.i. Deregulation) zu Instabilität und folglich zum Kollaps. Die Natur zeigt uns nirgends unbegrenztes und unkontrolliertes Wachstum. Wir tun so, als handle es sich bei unserer Wirtschaft um ein Perpetuum Mobile 1ter Art, als ob sie unentwegt mehr (Ordnung) produzieren könne als sie selbst verbraucht, doch so etwas gibt es nicht. Ein Luftballon lässt sich größer und größer aufblasen – doch was ihn zusammenhält, wird dabei immer dünner (Zimmermann 1994).

Das Müllproblem
Überlegen Sie einmal, wie viele Dinge von der Kugelschreibermine bis zum Auto zu Ihrem täglichen Leben gehören, welche Fülle von Produkten in gigantischen Industrieunternehmen Sekunde für Sekunde die vollautomatischen Fertigungsstraßen verlässt. Ausnahmslos alles, was jetzt vor ihrem geistigen Auge vorbeizieht, ist potentieller Müll. Morgen oder übermorgen sind diese Dinge abgenutzt oder Sie werden sie einfach nicht mehr brauchen und fortwerfen (Paturi 1974).
Da hilft auch das Rezyklieren nichts, denn der Recycling-Prozess lässt sich nicht ewig aufrecht erhalten (da er niemals zu 100 Prozent funktionieren kann), sodass der Müll nur etwas verzögert anfällt. Oft bleiben die Abfälle schon nach dem ersten Recycling unbrauchbar liegen. Vor allem Verbundstoffe sind praktisch nicht rezyklierbar. Auch aus anderer Sicht ist das Rezyklieren unökologisch, denn der Energieaufwand steigt. Die einzig ökologisch vertretbare Lösung wäre der Verzicht auf alle Problemstoffe. Doch davon will die Wirtschaft nichts hören.
            Durch die immer geringer werdenden Anteile an Eisen- und Nichteisenschrott in den Altautos zu Lasten von unverwertbaren Anteilen wie Kunststoff, Textilien, Glas, Gummi etc. sinkt das Rendement bei der Autowrackverwertung. D.h. aus ökonomisch-ökologischer Sicht steht bei der Autoverwertung dem verwertbaren Anteil ein mit hohen Entsorgungskosten verbundener – und Deponievolumen verbrauchender – Anteil gegenüber (Vogel 1990).
            Pro Autowrack ist mit mindestens 15kg umweltgefährdenden Stoffen wie Treibstoff, Motor-, Getriebe- und Hydrauliköle, Kühlerflüssigkeit, Schmierstoffe, Akkusäuren etc. zu rechnen. Von der Wassergefährdung her ergibt sich ein Potenzial von jährlich mindestens 750 Mio m³ Trinkwasser (Vogel 1990).
Pflanzlicher Abfall wird in kürzester Zeit restlos abgebaut. Produktion und Abbau halten sich die Waage. Solch ein ausgewogenes System ist zeitlich unbegrenzt funktionsfähig. Unseren Produktionen steht bisher kein nennenswerter Abbau gegenüber. Selbst das, was wir Müllverwertung nennen, verdient kaum diese Bezeichnung.
Verbrennungsanlagen verwandeln lediglich festen Müll in gasförmigen, Wasseraufbereitungsanlagen flüssigen in festen. Wir produzieren dauernd Dinge, die man nicht mehr verschwinden lassen kann, wie dies bei natürlichen Produkten geschieht.

Wirkungsgrade
Ein einziger Farmer in den USA versorgt heute im Durchschnitt 40 Menschen mit Lebens-mitteln und Textilfasern. Ein chinesischer Reisbauer dagegen arbeitet mühsam von früh bis spät, ohne mehr als sein eigenes Existenzminimum zu sichern. Welch ein Unterschied im Wirkungsgrad! - Im Wirkungsgrad? Ja, gewiß, der Wirkungsgrad ist sehr verschieden; doch ich behaupte, die Tätigkeit des amerikanischen Farmers schneidet gerade in Bezug auf den Wirkungsgrad bei einer kritischen Betrachtung wesentlich schlechter ab als die des chinesischen Kleinbauern. Der US-Landwirt erntet zwar gegenüber seinem asiatischen Kollegen ein Vielfaches, aber welchen Preis zahlt er dafür?
            Der Wirkungsgrad ist das Verhältnis zwischen Ergebnis und Aufwand. Wer die mit den geernteten Pflanzen gewonnene Energie in Kilowattstunden umrechnet und sie mit der für die Ernte aufgewandten Energie vergleicht, erschrickt über das Ergebnis: Für 50 geerntete Energieeinheiten investiert der amerikanische Farmer 250 Einheiten an Brennstoffenergie, der chinesische Bauer dagegen nur eine einzige Einheit menschlicher Energie. Das bedeutet nichts anderes, als daß der primitive Landmann des Ostens mit einem Wirkungsgrad von 5000 Prozent arbeitet... (Paturi, 1974).
            1E       100%
            50E     x%
                        x = 5000%
Das Verhältnis hat sich heute sicher noch mehr zuungunsten des technisierten Farmers verschoben; denken Sie nur an den Energieaufwand bei der Spritzmittel- und Düngererzeugung sowie bei der Saatgutzucht. Oder denken Sie an die Verwendung von (energiereichen) Kunststofffolien bei der Silierung, die noch dazu unsere Landschaft verunstalten.

Zurzeit ist die intensive Land- und Forstwirtschaft der größte Landschaftszerstörer in der Steiermark, wie ich es selbst erfahren konnte (Projekt Biodigitop der Steiermärkischen Landesregierung). Ihr erklärtes Ziel ist ja auch die flächendeckende Nutzung. Was das bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Die Verödung der Landschaft ist die Folge massiver menschlicher Eingriffe. Unsere scheinbar negentropischen Systeme erzeugen unentwegt Unordnung (Entropie) in Form von Müll, Abwässern, Emissionen, Abwärme, Systemzerstörung. Sie sind allesamt dissipativ, und das auf eine äußerst unökologische Weise.

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