Monday, March 24, 2014

ECCE TERRA

Die englische Gartenkunst ist das Generalthema, das Gerhard Streminger in seinem Buch „ECCE TERRA“ aus historischer, philosophischer und ästhetischer Sicht behandelt. Das Buch selbst gliedert sich in drei Abschnitte: Im ersten Teil wird eine abenteuerliche Ballonfahrt geschildert, wobei im Überflug Landschaft und Wetter von England beschrieben werden. Der zweite und umfassendste Teil befasst sich mit der Geschichte der englischen Gartenkunst, wobei philosophische und ästhetische Aspekte nicht ausgespart bleiben. Im letzten Kapitel wird als Quintessenz der historischen Entwicklung, die sich bewusst vom absolutistischen Barockgarten abheben wollte, Abschied vom Theozentrismus genommen, um beim naturnahen Landschaftspark anzukommen.
Nachdem im Eingangskapitel das England der Parklandschaften aus der Vogelperspektive betrachtet und beschrieben wurde, geht es zu den Ursprüngen der englischen Gartenkunst zurück, die sich einerseits als Opposition zum französischen Barockgarten verstand, und andererseits Anleihen bei antiken und italienischen Vorbildern nahm. Es ging nun nicht mehr um Symmetrie und einem absoluten Herrschaftsanspruch, sondern immer mehr um die Bedürfnisse der Pflanzen und der Natur selbst, sowie des Menschen, der sich darin bewegt. Denn die Aufgabe eines solchen Naturparks ist es auch, zur Kultivierung der menschlichen Natur beizutragen.  Der englische Landschaftsgarten verfolgt daher nicht nur einen ästhetischen, sondern auch einen ethischen Anspruch.
Die Idee des Gartens als ideale Welt spiegelt sich ja bereits in den alten Mythen vom verlorenen Paradies wider. In der englischen Gartenarchitektur geht es auch darum, diesen Verlust zumindest in Ansätzen wieder auszugleichen. Dabei dient die Natur selbst als Vorbild. Man will sie verbessern, ohne ihr Zwang anzutun. Licht und Schatten sind die wesentlichen Gestaltungselemente.
Mit der Abwendung vom Theismus in der englischen Aufklärung schwindet auch die Verachtung der Natur, sie tritt nun in ihrer vielschichtigen Beziehung zum Menschen in den Vordergrund. Die Welt ist nicht mehr das, was uns von Gott trennt, sondern man kann nun Gott in der Natur finden. Damit erhält die lebendige Landschaft, in der sich der Mensch bewegt, eine positive Bedeutung, auch für uns Menschen. Letztendlich gipfelt diese Entwicklung in der Theozideefrage, die Streminger im letzten Kapitel kurz behandelt: Liest man im Buch der Natur, lässt sich darin nichts Übernatürliches finden. Ganz im Gegenteil: die Natur ruht in sich selbst und bedarf somit keines Schöpfers; eventuell aber eines Gestalters...
Gerhard Streminger hat Philosophie und Mathematik in Graz, Göttingen, Edinburgh und Oxford studiert. 1978 promovierte er in Graz zum Doktor der Philosophie sub auspiciis Praesidentis. Nach seiner Lehrtätigkeit an der University of Minnesota in Minneapolis habilitierte er sich 1984 in Graz für das Fach Philosophie. Seit 1995 ist er außerordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Graz. Streminger ist als engagierter Naturalist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Giordano Bruno Stiftung. Mit seinem kleinen Beitrag zur Geistesgeschichte der englischen Gartenkunst versteht es Streminger, den Menschen wieder ins Zentrum des natürlichen Geschehens zu stellen. Der englische Landschaftsgarten ist Ausdruck dieser Kehrtwendung  hin zum Natürlichen und somit auch zum Menschen. Die Natur wird dabei inszeniert, aber nicht vergewaltigt.

Gerhard Streminger
ECCE TERRA
Zur englischen Gartenkunst
Bibliothek der Provinz, Weitra 2013

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Wednesday, January 01, 2014

Weltenlos? Kritik an einer Weltleugnung.


Mit dem 23. Juni 2011 soll ein neues Zeitalter eingeläutet worden sein, der so genannte „Neue Realismus“, der die Postmoderne ablösen will. Mit seinem Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ versucht Markus Gabriel diesen „neuen“ („alten“) Weltzugang zu erläutern. Er konstatiert: „Der Konstruktivismus ist absurd, er wird meist aber nicht durchschaut.“

Während der Postmodernismus die Welt als Konstrukt der menschlichen Sinne und Interessen sieht, und sich über eine vermeintlich dahinterliegende Wirklichkeit enthält (Epoché) oder sie gar leugnet, erklärt der Neue Realismus hingegen alles für wirklich: die Welt, wie wir sie sehen, und die Welt, wie sie ist. Alles ist wirklich, alles existiert: „Wie meine linke Hand mir erscheint, ist genauso real wie meine linke Hand selbst.“ Es gibt somit viele Welten oder „Sinnfelder“ (so nennt Gabriel Sinnzusammenhänge), aber eben nicht die eine, alles umfassende Welt.

Interessant an Gabriels Ansatz ist, dass er versucht, eine Brücke zwischen subjektiver Weltsicht und objektiver Wirklichkeit zu schlagen. Für ihn ist beides wirklich und daher vorhanden, wenn auch in anderen „Sinnfeldern“. Somit vervielfachen sich seine realen Objekte ins Unermessliche. Darum gibt es auch nichts, das alles enthalten kann. Jeder Gedanke über die Welt ist wieder nur ein Objekt in der Welt. Hier argumentiert er in gewisser Weise analog zu Russels Typentheorie (es gibt keine Menge, die alle Mengen und zugleich auch sich selbst enthält). Dennoch macht er Aussagen über die Welt, indem er einerseits Martin Heidegger zitiert („Die Welt ist der Bereich aller Bereiche.“) und sie andererseits negiert: die Welt als Gesamtheit gibt es eben nicht gibt. Offenbar will er damit ausdrücken, dass der Bereich aller Bereiche überabzählbar unendlich und daher nicht umfassend darstellbar ist. Einen solchen Supergegenstand, der wirklich alles umfasst, kann es darum nicht geben: „Der Ausdruck »alles« bezieht sich auf nichts Bestimmtes.“ Dennoch plädiert er für eine „formale Weltunterstellung“, um Kohärenz herstellen zu können.

Die Leugnung der Welt ist eine Sache; zu sagen, dass man über sie nicht sinnvoll sprechen kann, eine andere.  Erinnert sei hier an das Bonmot von Ludwig Wittgenstein: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Vielleich sollte man sich auch seinen folgenden Ausspruch vergegenwärtigen: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Nach eigenem Ermessen kommt Gabriel ohne jede Metaphysik aus, die er in der Reflexion über das Weltganze verortet. Allerdings betreibt er Ontologie, eine klassisches Terrain der Metaphysik, nicht aber für Gabriel. Ohne Ontologie kommt er nicht aus, denn er muss die Dinge und Tatsachen, die die Welt ausmachen, Sinnfeldern zuordnen. Alles Seiende existiert ja nur in einem bestimmten Sinnfeld: „Der Gedanke an Schnee und Schnee gehören schlicht  zwei verschiedenen Gegenstandsbereichen an.“

Zugleich versucht er mithilfe einer ontologischen Reduktion nachzuweisen, dass gewisse Diskurse inhaltsleer (ergo „Geschwätz“) sind. Er nennt das „Irrtumstheorie“. Allerdings räumt er ein, dass auch das Geschwätz Teil der Wirklichkeit ist und somit existiert, wenn eben auch nur als Geschwätz: „Falsche Gedanken existieren, aber die Gegenstände, von denen sie handeln, kommen nicht in dem Feld vor, in dem falsche Gedanken sie verorten.“

Um seinen ontologischen Pluralismus zu verteidigen, wendet Gabriel sich gegen die formale Logik, derzufolge Existenz offenbar immer auch mit Zählbarkeit zu tun hat (zumindest ist die formale Logik dadurch ontologisch neutral, denn der Existenzquantor nimmt keinen Bezug auf irgendwelche Seinsweisen). Für Gabriel sind Sinnfelder mehr als nur formal beschreibbare Mengen. Er greift dabei auf Freges Sinnbegriff zurück und versucht zu zeigen, dass je nach Sinnfeld der nämliche Gegenstand als etwas ganz anderes in Erscheinung treten kann, z.B. als physikalisches Objekt, als Kunstwerk, als Bedrohung, als Wertgegenstand etc.: „Der Sinn ist die Art, wie ein Gegenstand erscheint.“ Existenzaussagen sind für Gabriel immer nur in Bezug auf ein Sinnfeld berechtigt: „Existenzaussagen, seien sie positiv oder negativ, beziehen sich immer nur auf ein Sinnfeld oder einige Sinnfelder, niemals aber auf alle und am allerwenigsten auf ein allumfassendes Sinnfeld.“

Für Gabriel gibt es unendlich viele Sinnfelder mit unterschiedlichsten Eigenschaften. Die Frage, welche Sinnfelder es konkret gibt und wie sie beschaffe sind, ist seiner Meinung nach aber eine empirische zu beantwortende. Er bezieht hier aber die Geisteswissenschaften mit ein. Jedenfalls ist für ihn die Welt erkennbar, wenn auch von einem menschlichen Standpunkt aus. Für ihn gibt es kein „Ding an sich“, einen unerkennbaren Träger der Eigenschaften, sondern die Eigenschaften selbst sind die Konstituenten der Dinge. Andererseits gibt es auch keinen neutralen Beobachtungsort, da die Erscheinungen immer auch in einem Kontext stehen, in dem der Mensch miteingebunden ist. Meiner Meinung nach ist das Metaphysik.

Letztendlich ist Gabriel ein Platonist, der an real existierenden Universalien festhält (und das angeblich ohne Metaphysik!). Das wird besonders deutlich, wenn er sich gegen den Nominalismus („Namen sind Schall und Rauch“) wendet. Für ihn gibt es vorhandene Strukturen, die wir begrifflich nachzeichnen. Sein Realismus ist die allgemeine Behauptung, dass es universale Strukturen gibt. Seine doppelte These lautet, „dass wir erstens Dinge und Tatsachen an sich erkennen können und dass zweitens Dinge und Tatsachen an sich nicht einem einzigen Gegenstandsbereich angehören.“ Das ist zumindest ein Standpunkt. Ob er hält, ist fraglich. Eigenartig ist nur, dass er sich gegen die Aufklärung wendet, der er explizit vorwirft, die Welt sinnentleert zu haben. Was er dabei übersieht, ist, dass die Aufklärung die Welt zwar in gewissem Sinne entzaubert, aber zugleich den Mensch mit nüchternem Blick wieder ins Zentrum gestellt hat (man denke zum Beispiel an die Menschenrechte: Der Mensch dient nicht einem höheren Wesen, sondern sich und den Mitmenschen; und der Antrieb für diese Entmythifizierung und Zurechtrückung ist der Nominalismus). Namen (als phonetische Gebilde oder Symbole) sind aber unbestreitbar willkürlich, die Proposition dahinter vielleicht nicht (oder zumindest nicht immer). Interessant ist in diesem Zusammenhang sein Kapitel über „Sider-Welten“, indem er versucht zu zeigen, dass konstruierte „Querbegriffe“ unsinnig sind.

Wider seinen Anspruch, gegen die Aufklärung zu sein, greift er aber doch ein altes Sujet der Aufklärung auf, nämlich die Ideologiekritik (auch wenn er sie die Kritik an Weltbildern nennt). Das ist eindeutig eine aufklärerische Tugend.

Befremdet hat mich insbesondere, dass er die Theologie als Wissenschaft verteidigt. Er gesteht zwar ein, dass es kein höchstes Wesen und keinen Schöpfer geben kann (hier argumentiert er analog zu seinem Argument wider die Weltexistenz), dennoch rechtfertigt er die Theologie als sinnstiftendes und tröstendes Unternehmen. Zugleich wirft er dem wissenschaftlichen Weltbild Fetischismus vor, ein Vorwurf, der eher Religionen trifft. Wenn ein wissenschaftliches Weltbild, das sicher nur eines unter vielen sein kann, fetischhaft sein sollte, wäre Wissenschaft starr und unwandelbar. Aber Wissenschaft verändert sich ständig in Auseinandersetzung mit ihren Gegenständen. Sie ist kein starres Lehrgebäude, wie z.B. die Homöopathie, und schon gar kein Weltbild. Aber zumindest räumt er ein: „Sowohl das wissenschaftliche als auch das religiöse Weltbild sind falsch, sofern es sich um Weltbilder handelt.“ Und: „Religion ist das Gegenteil einer Welterklärung.“

Es gäbe sicher noch viel zu diesem Buch (er äußert sich u.a. noch zu Kunst und Kultur) zu sagen, aber ich möchte es hiermit belassen, vor allem, weil ich in diesen Bereichen nicht wirklich firm bin. Ungewöhnlich sind auch seine Bezugnahmen auf Kinofilme und TV-Serien (obwohl ich letztere als TV-Verweigerer nicht kenne und daher seine Anspielungen nicht immer verstehe). Die „Science Busters“  (www.sciencebusters.at) scheinen ihm jedenfalls unbekannt zu sein. Insgesamt überzeugt seine Darstellung nicht, obwohl er viele interessante philosophische Probleme anreißt. Wirklich neu erscheint mir sein Platonismus (der ja schließlich auf Platon alias Aristokles, also ca. 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung, zurückgeht) auch nicht zu sein.

Markus Gabriel:
Warum es die Welt nicht gibt.

Ullstein, Berlin 2013

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Saturday, October 26, 2013

TESTOSTERON MACHT POLITIK

Politische Entscheidungen folgen
oft nicht rationalen Überlegungen.
Gefühle, Begierden und Ängste werden
 in der politischen Analyse
unterschätzt oder völlig ausgeblendet.
Karin Kneissl


„Will man Politik verstehen, muss man die Natur des Menschen begreifen.“ Mit diesem Satz beginnt das neue Buch von Karin Kneissl, ein Versuch, den Zusammenhang von Politik, Geschichte und der  „Conditio humana“  zu ergründen. Es geht ihr dabei weder um populistischen Biologismus noch um plumpen Determinismus, sondern um die Frage, inwiefern die biologische Grundausstattung des Menschen neben den sozialen und ökonomischen Faktoren Einfluss auf das politische Geschehen nimmt. In diesem Kontext lenkt sie ihr Augenmerk auf mögliche Konsequenzen des hormonellen Status der handelnden Individuen auf die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Als Juristin war Karin Kneissl bis zum Jahre 1998 im diplomatischen Dienst der Republik Österreich tätig und ist seither freischaffende Publizistin und unabhängige Korrespondentin für mehrere Tageszeitungen. Daneben unterrichtet sie in Wien und Beirut internationale Beziehungen.
Gleich zu Beginn stellt Kneissl in ihrem Buch die Frage, ob junge Männer grundsätzlich die besseren Revolutionäre sind, da sie sich zumeist ohnehin im Kampf um Status und Anerkennung befinden. Sie geht dabei von der These aus, dass es in soziopolitischen Konstellationen, in denen es einen Überschuss an jungen Männern gibt, die zugleich ohne Perspektive und soziale Anerkennung leben, da sie sich nicht sinnvoll in die Gesellschaft einbringen können und auch sonst keine Möglichkeit haben, sich zu verwirklichen, tendenziell eher dazu neigen, einen Umsturz anzuzetteln. Getrieben werden sie durch ihre hormonelle Energie, die kein Ventil findet. Im Anschluss versucht sie, historische Revolutionen von diesem Aspekt her zu analysieren. Dabei geht sie auch auf die aktuellen Revolutionen im arabischen Raum ein, die sie ebenfalls als ein Aufbegehren von zornigen jungen Männern versteht.
In ihrer Analyse beleuchtet sie insbesondere die  gesellschaftlichen Zwänge im arabischen Kulturkreis, in welchem Würde und Status des Mannes insbesondere durch eine Heirat bestimmt ist, die aber für einen Großteil der jungen Männer ein unerreichbares Ziel bleibt. Zugleich gibt es aber auch eine sexuelle Obsession, die aufgrund der strikten Sexualmoral und der sozialen Kontrolle nicht ausgelebt werden kann. Daher versucht die Autorin im folgenden Kapitel eine naturwissenschaftliche Bestandsaufnahme betreffend Sexualhormone und deren Effekte. Obwohl sie versucht, ein differenziertes Bild zu entwerfen, erkennt man doch, dass dies nicht ihr eigentliches Metier ist. Ihre Kompetenzen liegen eindeutig bei der Politikwissenschaft. Dennoch gelingt es ihr, zu zeigen, dass der Hormonstatus jedenfalls einen Einfluss auf das individuelle Verhalten hat.
In der Folge beschäftigt sich die Autorin mit den demografischen Entwicklungen in Asien und die möglichen Konsequenzen für die Zukunft. Frau Kneissl sieht darin ein gewaltiges Potenzial für zukünftige Unruhen, Aufstände oder gar Kriege, da sich der Frauenmangel zu einer immensen Frustrationsquelle für junge Männer entwickelt. Auch der Frauenraub ist hier ein Thema, sowohl in der historischen, als auch in seiner aktuellen Dimension. Sie verweist dabei auf den Roman von Amin Maalouf („Le Premier Siecle apres Beatrice“, Paris 1992), worin viele Entwicklungen der Gegenwart vorweg genommen und mögliche Folgen illustriert werden.

In den letzten beiden Kapiteln reflektiert Kneissl wiederholt die Natur des Menschen, und zwar evolutionsbiologisch, neurophysiologisch, psychologisch, pädagogisch und philosophisch. Sie gibt dabei zu, dass ihr Buch mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet, aber das liegt wohl auch daran, dass die Wissenschaft den Zusammenhang von Geschichte und der menschlichen Biologie bisher immer sträflich vernachlässigt hat. Sie gesteht auch ein, dass die empirische Basis noch mehr als dürftig ist. Gerade deshalb ist das Buch ein wichtiger Beitrag, die Forschungen in diese Richtung zu intensivieren.

Karin Kneissl
TESTOSTERON MACHT POLITIK
Braumüller, Wien 2012 (152 Seiten)

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Wednesday, October 23, 2013

Briefe an einen jungen Forscher


In seiner kleinen Schrift „Briefe an einen jungen Wissenschaftler“ versucht der Harvard-Professor Edward O. Wilson – untergliedert in fünf thematische Abschnitte – mit kurzen und unabhängig zu lesenden Aufsätzen (Briefen) einen Leitfaden für eine wissenschaftliche Karriere zu geben. Seine fünf Generalthemen, unter die er seine Briefe einordnet, lauten dabei: Der Weg, dem man folgen muss – Der kreative Prozess – Ein Leben für die Wissenschaft – Theorie und großes Bild – Wahrheit und Ethik.

Im ersten thematischen Abschnitt, der den Werdegang eines Wissenschaftlers beleuchtet, geht es ihm vor allem um die persönliche Leidenschaft, die für den Erfolg in einer Wissenschaftsdisziplin unerlässlich ist. Leidenschaftliche Arbeit ist wichtiger als das wissenschaftliche Training für den Erfolg. Auch mathematische Talente sind in vielen Bereichen entbehrlich. Pioniere der Wissenschaft haben selten ihre Erkenntnisse aus der Mathematik bezogen. Falls man für seine Forschungen auch Mathematik braucht, soll man sich eben an Fachleute wenden. Speziell in den Biowissenschaften ist die Mathematik wenig fruchtbringend, weil die relevanten Faktoren des wirklichen Lebens häufig entweder missverstanden oder nicht erkannt bzw. übersehen werden. Außerdem gibt es fast in jeder wissenschaftlichen Disziplin mindestens einen Bereich, in denen man auch ohne Mathematik exzellente Leistungen erbringen kann. Wichtiger ist es, eine Nische zu finden, in der man zum Spezialisten aufsteigen kann. Jedes wissenschaftliche Problem bietet eine Chance. Je größer das Problem, umso besser! Jedenfalls ist es immer besser, sich abseits vom Mainstream zu bewegen.

Im Abschnitt, der den kreativen Prozess behandelt, geht Wilson zuerst der Frage nach, was Wissenschaft eigentlich ist. Für ihn ist es das organisierte und testbare Wissen von der Welt im Gegensatz zu den unzähligen Meinungen, die sich von Mythen und Aberglauben nähren. Für ihn übertrifft die wissenschaftliche Methode in der Erklärungskraft jedenfalls jeden religiösen Glauben in Bezug auf Ursprung und Sinn des menschlichen Lebens. Daher ist es für jeden Wissenschaftler essenziell, sich darauf zu besinnen, dass es um die Erforschung der realen Welt geht, und nicht um die Bestätigung von vorgegebenen Meinungen oder Trugbildern. Nur prüfbare Fakten zählen in der Wissenschaft. Wenn die Forschungsergebnisse korrekt und stimmig sind, werden sie auf Dauer jede Ideologie und jeden politischen Widerstand überwinden. Ein idealer Wissenschaftler denkt wie ein Poet und arbeitet wie ein Buchhalter. Das garantiert nachhaltige Ergebnisse. Die äußersten Grenzen der Wissenschaft kann man aber nur erreichen, wenn man auch die Landkarten kennt, die die früheren Forscher bereits gezeichnet haben. Um aber ein neues Terrainabzuklopfen, können kleine unkontrollierte Experimente sehr hilfreich sein, nur um zu sehen, ob sich etwas Interessantes auftut. Neue Technologien können dabei nützlich sein, sollten aber nicht zum Selbstzweck werden (Liebe sie also nicht!). Wichtig ist aber vor allem, sich selbst treu zu bleiben.

Ein Leben für und in der Wissenschaft sieht für Wilson folgendermaßen aus: Immer gut ist es, wenn man einen Mentor findet. Also gehe man auf die Suche. Von daher ist es schon angebracht, nicht unbedingt mit dem Strom zu schwimmen. Außerdem sollte man sich in seinem Wahlgebiet gut auskennen. Auch in der modernen Biologie sind dabei gute Kenntnisse in Taxonomie und Systematik unerlässlich. Dann versuche man das Unmögliche, um etwas Außergewöhnliches zu erreichen.

Im Abschnitt „Theorie und das große Bild“ stellt Wilson fest, dass das Leben auf der Erde noch weitgehend unbekannt ist, sodass es ein leichtes ist, ein Forscher zu sein, ohne seine Umgebung unbedingt verlassen zu müssen. Wir suchen nach Mustern, die erkennbar werden, wenn sich die Puzzle-Teile zusammen fügen. Wenn so ein Muster entdeckt wird, nutzen wir es als Arbeitshilfe, um neue Untersuchungsansätze zu kreieren. Wenn die neuen Methoden nicht gut greifen, müssen sie besser adaptiert werden. Greifen sie gar nicht oder ergeben sich Widersprüche, so muss man eben nach neuen Mustern Ausschau halten. In jedem Fall erzeugt eine wissenschaftliche Antwort immer auch wieder neue Fragen. Hier zitiert er Newton: „If you see further than others, it is by standing on the shoulders of giants.“ Jedenfalls können Ambition und unternehmerischer Geist häufig fehlende Brillianz ersetzen.

Wahrheit und Ethik gehören für Wilson offensichtlich zusammen. Im letzten Abschnitt beleuchtet er den wissenschaftlichen Ethos. Die oberste Maxime für jeden Wissenschaftler ist für ihn die Verfolgung der Wahrheit. Wissen an sich ist niemals negativ zu sehen, aber was man damit anfängt – die Anwendung von Wissen – kann durchaus verderblich sein, insbesondere wenn sie für ideologische Zwecke missbraucht wird. Daher gibt es für ihn keinen großen Wissenschaftler, der ganz allein für sich in einer verborgenen Kammer arbeitet. Austausch und voneinander Lernen gehören für ihn stets dazu.

Mit seiner Anleitung für eine wissenschaftliche Karriere will Wilson jungen Wissenschaftlern etwas aus seinem reichen Erfahrungsschatz als Starthilfe mit auf den Weg geben. Das ist ihm mit diesem Büchlein sicher auch gelungen. Man kann nur hoffen, dass es auch von jungen Menschen gelesen wird, um ihnen den Einstieg in die Wissenschaft zu erleichtern und Anregungen für die persönliche Karriereplanung zu geben. Im Studium hört man solche Dinge kaum – ich wäre froh gewesen, hätte es so ein Handbuch schon zu meiner Zeit gegeben.


Letters To A Young Scientist

Edward O. Wilson

Liveright Publishing Cooperation, New York 2013

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Die soziale Eroberung der Erde

Edward O. Wilson, der Doyen der Evolutionsbiologie und leidenschaftlicher Ameisenforscher, hat mit seinem neuen Buch für große Aufregung unter den Evolutionsbiologen gesorgt. Galt er doch bis jetzt als Galionsfigur der Kin-Selection (Verwandten-Selektion) unter den Soziobiologen. Doch nun hat er sich explizit vom egoistischen Gen verabschiedet und sich wieder der klassischen Evolutionstheorie zugewandt. In seinem Werk „The Social Conquest Of The Earth“ versucht er zu zeigen, dass die klassische Evolutionstheorie völlig ausreicht, um Phänomene wie soziale Lebensformen und altruistisches Verhalten zu erklären, währenddessen die Kin-Selection hier eher Probleme aufwirft als sie zu lösen. Vor allem bei den Termiten scheint das Modell zu versagen. Bei geklonten Organismen – mit der höchsten Verwandtschaftsrate  von 100% – hat man aber bisher interessanterweise noch keinen einzigen Fall von Eusozialität festgestellt.

Wenn man von einer Selektion auf verschiedenen Ebenen ausgeht (multilevel selection), dann ergibt sich unter bestimmten Voraussetzungen, dass die Selektion nicht mehr nur beim Individuum angreift, sondern auch bei der Gruppe, die mit anderen Gruppen um Ressourcen und Lebensräume konkurriert. Somit überlagert dann – abhängig von geeigneten Rahmenbedingungen – die Gruppenselektion die individuelle Selektion. Das Ergebnis ist die Entwicklung von Verhaltensweisen, die die Gruppe gegenüber anderen Gruppen fitter macht, wie Zusammengehörigkeitsgefühl, gegenseitige Unterstützung, Kooperation und Kommunikation. Und dieses Verhalten geht über bloße Verwandtschaftsverhältnisse weit hinaus und kann im Extremfall sogar die persönliche Fitness einschränken.

Während nach Wilson die Kin-Selection nur auf wenige Spezialfälle angewendet und daher nicht generalisiert werden kann, ist die klassische Standard-Theorie der Evolution offenbar in der Lage, alle Fälle abzudecken. In einigen Fällen sind beide Erklärungsmodelle gleichwertig, doch meistens verliert sich die Kin-Selection in unnötigen Abstraktionen, sodass sie an Relevanz und Unmittelbarkeit einbüßt. Sie zäumt das Pferd von der falschen Seite auf, indem sie von einem hypothetischen Rechenmodell ausgeht, und dieses über die biotischen Phänomene stülpt, anstatt von den Beobachtungen auszugehen, um einen passenden Algorithmus dafür zu entwickeln.

Die natürliche Selektion ist in der Regel mehrstufig: Sie wirkt auf Gene, die die biologische Organisation in mehr als nur einer Ebene bestimmen. Es geht dabei um das Verhältnis von Zelle zu Organismus oder von Organismus zu Kolonie. Das extremste Beispiel für die Selektion auf mehreren Ebenen ist ein Tumor. Krebszellen entziehen sich in ihrem Wachstum den Beschränkungen der höheren Organisationsstufe, sodass der Organismus stirbt. Gelingt ihm jedoch die Kontrolle, bleibt er am Leben.

Den Schlüssel zur „conditio humana“  findet Wilson nicht in der Evolution des Menschen, sondern schon viel früher – bereits bei der Entstehung von sozialem Verhalten im Tierreich. Allerdings liegt darin auch ein Problem, denn komplexe soziale Systeme sind selten. Wenn sie sich aber einmal etabliert haben, scheinen die Vorteile gewaltig zu sein. So überflügeln staatenbildende Insekten andere Kerbtiere in Anzahl, Biomasse und Einfluss auf ihre Umwelt gewaltig.

Der Ursprung der Eusozialität im Tierreich scheint vor allem mit dem Vorhandensein von einem Nest gekoppelt zu sein. Beim Menschen war es vermutlich die Feuerstelle. Zuerst kommt die Brutpflege, dann ein behütetes Nest, später bleiben plötzlich mehrere Generationen im Nest und beginnen mit Arbeitsteilung – auch in Hinblick auf die Fortpflanzung. Evolutiv nötig ist dafür primär nur eine einzige Mutation, nämlich der Ausfall des Gens, das für die Nestflucht (die Auswanderung der neuen Generation) verantwortlich zeichnet. So entwickeln sich soziale Gruppen, die mit anderen Gruppen wetteifern, wodurch ein evolutionärer Druck auch auf die Gruppe als Gesamtheit entsteht.

Das bisherige Modell geht davon aus, dass die Kin-Selection Gruppen zusammenschweißt, weil sie mehr oder weniger miteinander verwandt sind. Wilson widerspricht dem, indem er ausführt, dass staatenbildende Insekten evolutionär als Superorganismen funktionieren. Alle Individuen des Staates sind phänotypische Extensionen der Königin wie die Zellen eines Körpers, sodass die Evolution nur bei ihr angreift. Die genetischen Differenzen zwischen den Individuen einer Kolonie sind sogar ein Vorteil, denn sie bilden einen Schutz vor epidemischen Krankheiten. Ein klassisches Evolutionsmodell, das ohne Verwandtschaftsmathematik auskommt. Schon Darwin deutete in The Origin of Species an, dass Selektion wahrscheinlich auch bei Gruppen angreifen kann.

Mit der Entstehung von Arbeitsteilung scheint der Punkt ohne Wiederkehr erreicht zu sein; ab hier gibt es offenbar kein Zurück mehr. Die Eusozialität ist nun stabil: wir stehen zusammen oder wir fallen zusammen.

In Kolonien, die sich aus unterschiedlichen, authentischen Individuen zusammensetzen – und nicht aus phänotypischen Extensionen einer Königin – fördert die Selektion selbstsüchtiges Verhalten. Auf der anderen Seite fördert die Gruppenselektion – wenn mehrere Gruppen in Konkurrenz zueinander stehen – den Altruismus unter den Gruppenmitgliedern. In diesem Spannungsverhältnis steht auch der Mensch.

Allerdings kann die menschliche Natur weder auf die Gene reduziert werden, noch können alle kulturellen Universalien mit ihrer Hilfe erklärt werden. Sie beruht vielmehr auf epigenetischen Regeln. Daher ist der Großteil des Verhaltens von Menschen nicht wie ein Reflex fest verdrahtet, sondern erlernt, auch wenn der Mensch darauf genetisch „vorbereitet“ ist. Als Folge ergibt sich die „Gen-Kultur-Koevolution“. Das bedeutet nicht, dass der Mensch völlig frei von seiner natürlichen Basis ist, aber die möglichen Freiheitsgrade haben sich vervielfacht. Zugleich drängt die kulturelle Evolution  zweifellos die genetische Evolution in den Hintergrund. Trotzdem gibt es dabei plastische und unplastische Elemente: Keine zwei Personen haben die gleichen Fingerabdrücke. Im Gegensatz dazu schreiben die Gene immer exakt fünf Finger vor.

Wilsons Kulturbegriff lässt sich in folgendem Satz zusammenfassen: Eine kulturelle Eigenheit ist ein Verhalten, dass entweder in einer Gruppe entwickelt oder von einer anderen Gruppe übernommen wird, um sie dann in der eigenen Gruppe zu pflegen und weiterzugeben. Das psychische Innenleben macht den Menschen aber einmalig und besonders: Stirbt ein Mensch, geht ein ganzer Kosmos verloren.

Doch was war die treibende Kraft für die Entwicklung der menschlichen Kultur? Laut Wilson war es die Gruppenselektion. Gruppen, deren Mitglieder die Intentionen anderer erahnen konnten und bereit zur Kooperation waren, hatten einen enormen evolutiven Vorteil gegenüber anderen Gruppen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Sprache. Wie bereits Darwin vermutete, passen Sprache und ihre basalen Mechanismen deshalb so gut zusammen, weil sich die Sprache dem menschlichen Gehirn anpasste, und nicht umgekehrt. Für Wilson sind es die Feinheiten der Gen-Kultur-Koevolution, die uns ein fundamentales Verständnis der „conditio humana“ liefern können.

Ein Dilemma, das aus der Evolution auf mehreren Ebenen ergibt, spiegelt sich in den Begriffen „gut“ und „böse“ wider.  Individuelle Selektion und Gruppenselektion greifen beide prinzipiell auch beim Einzelwesen an, treiben aber in entgegengesetzte Richtungen. Daraus ergibt sich die eiserne Regel in der sozialen Evolution: Eigennützige Individuen setzten sich gegenüber uneigennützigen durch, währenddessen altruistische Gruppen sich gegenüber Assoziationen von selbstsüchtigen Eigenbrötlern behaupten. Wenn in der menschlichen Evolution die Gruppenselektion dominiert hätte, würden unsere Gesellschaften Insektenkolonien gleichen. Aber der Mensch ist auch kein „homo oeconomicus“, der ausschließlich auf den eigenen Nutzen fixiert ist.

Verwandtenselektion ist nach Wilson nicht der Schlüssel für die evolutionäre Dynamik hin zur Eusozialität. Was wirklich zählt, ist eine natürliche (sprich ererbte) Neigung Allianzen und Netzwerke zu bilden, Informationen auszutauschen, aber auch Verrat zu üben.

Ernst Fehr und Simon Gächter haben das Problem 2002 wie folgt umrissen: „Menschliche Kooperation ist ein evolutionäres Rätsel. Anders als alle anderen Lebewesen kooperieren Menschen häufig mit genetisch nicht verwandten Fremden, häufig in großen Gruppen, mit Menschen, denen sie nie wieder begegnen werden, und selbst wenn der Gewinn in Hinsicht auf Fortpflanzung gering ausfällt oder ganz fehlt. Als Erklärung für diese Kooperationsmuster taugen weder die Evolutionstheorie der Verwandtenselektion noch die egoistischen Motive, die mit der Zeichentheorie oder der Theorie des reziproken Altruismus assoziiert werden.“

Wilson wirft in seinem aktuellen Buch Fragen auf, die lange Zeit als Tabu galten. Einigen geht er sicher zu weit, wenn er Kunst, Kultur und Ethik, aber auch die Religion (Zitat: Religiöser Glaube ist die unbemerkte Falle, die in der biologischen Geschichte unserer Art unvermeidbar ist. […] Die Menschheit verdient besseres.) von der Perspektive der Evolutionstheorie aus beleuchtet, aber das ist meiner Meinung nach durchaus legitim.

Immerhin versucht er Lösungen anzubieten, indem er auf altbewährte Modelle zurückgreift. Damit hat er international Empörung in der „science community“ der Soziobiologen ausgelöst. Wie immer man zu seinen Aussagen stehen mag, eines zeichnet sich immer klarer ab: die gängigen Evolutionsmodelle greifen zu kurz, sie erfassen nicht die ganze belebte Wirklichkeit. So lassen sie sich auf viele Phänomene der Natur nur eingeschränkt anwenden. Zudem tauchen immer wieder Instanzen auf, die die Verwandtenselektionstheorie explizit ausschließt. Nicht, dass ich der Meinung wäre, dass jede negative Instanz eine Theorie automatisch obsolet macht, das wäre unpragmatisch “das Kind mit dem Bade ausschütten“. Eine Widerlegung ist auch nicht immer eindeutig. Wenn sich aber die Widersprüche gegenüber der Empirie häufen, sollte man sich doch Gedanken machen. Insofern ist das Buch Wilsons eine wichtige Anregung, um sich mit Problemen und Lösungsansätzen der Evolutionsbiologie neu und unvoreingenommen auseinander zu setzen. Das letzte Wort ist hier sicher nicht gesprochen.
 
 
 
 
Edward O. Wilson
The Social Conquest Of The Earth
Liveright Publishing Corporation
New York and London, 2012
 
 
 

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Sunday, June 24, 2012

Böse Philosophen

Vorrevolutionäres Paris:  Im Salon von Baron d’Holbach  tummeln sich die „bösen Philosophen“ der Aufklärung.  Diese kleine Enklave der freien Geisteshaltung erlaubt es, alle Tabus und alle Dogmen der Vergangenheit hinter sich zu lassen und intellektuell in neue Welten aufzubrechen. Die besten Köpfe Europas treffen sich dort zum Gedankenaustausch: Jean d’Alembert, Denis Diderot, Claude-Adrien Helvétius, David Hume, Jean-Jacques Rousseau, Adam Smith und John Wilkes, um nur einige zu nennen. Hier wird radikales und befreites Denken betrieben. Hier werden Konventionen gebrochen. Hier wird ein neues Zeitalter eingeläutet.
Philipp Blom, der in Wien und Oxford studiert hat, präsentiert in seinem philosophiegeschichtlichen Buch nicht nur die geistigen Früchte des Salons von d’Holbach, er zeichnet auch den Werdegang der einzelnen Proponenten nach und schildert die jeweiligen persönlichen Verbindungen sowie die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die ein radikales Andersdenken nicht gerade förderten. Zensur und letale Verfolgung drohten ihnen allenthalben.
Der englische Originaltitel lautet „A Wicked Company“, das am besten mit „in schlechter Gesellschaft“ zu übersetzen wäre. Aber sowohl der deutsche als auch der englische Titel sind ironisch und beziehen sich auf die Wahrnehmung durch die Zeitgenossen jener Denker. Wer Überkommenes in Frage stellte, galt dazumal grundsätzlich als böse.
Neben dem detailreichen Rückblick auf die Philosophie der historischen Aufklärung ist das Buch auch ein deutliches Plädoyer, sich mit den Gedanken der Aufklärung wieder neu auseinander zu setzen: sie haben nichts an Brisanz verloren! Auch oder gerade heute  spielen die Fragen nach den Menschenrechten, nach den Grundlagen der Ethik, nach dem Verhältnis der Geschlechter, nach dem Umgang mit der menschlichen Libido oder nach der gesellschaftlichen Bedeutung der Religion eine zentrale Rolle. Sie sind immer noch top-aktuell.
Besonders interessant fand ich die spektakuläre und spannende Entstehungsgeschichte der „Encyclopedie“ unter geschickter Umgehung der Zensur sowie die paranoide Rolle Rousseaus im Zirkel und seinen – zum Teil verheerenden – Einfluss auf die Nachwelt. Außerdem ist es erstaunlich, welche fortschrittlichen Ideen bereits in dem Zirkel keimten: so wurden Prinzipien der Evolutionstheorie und der Genetik rein spekulativ vorweggenommen, die sich inzwischen als bestätigt erwiesen haben.
Die Denker der Aufklärung haben uns gezeigt, wie man althergebrachte Vorurteile überwindet, um mit freiem Blick auf Fragen eingehen und dadurch ganz neue und unkonventionelle Antworten finden zu können. Mit dieser Einstellung haben sie auch die Möglichkeit von einer menschlicheren und gerechteren Gesellschaft gesehen. Es ist an der Zeit, wieder zu dieser Radikalität des freien Denkens zurück zu finden.

Philipp Blom
Böse Philosophen
Hanser Verlag, München 2011



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Wednesday, June 20, 2012

Secular Religion


Wer kennt es nicht, das Argument: Jeder glaubt gewisse unbewiesene Grundannahmen, auchWissenschaftler und Atheisten, daher sind auch sie im Grunde Gläubige. Dies ist natürlich eine theologische Verwendung des Begriffs „glauben“, der sich auf den epistemischen Gebrauch nicht übertragen lässt. Im theologischen Kontext heißt „glauben“ soviel wie „sehr überzeugt sein von, fest vertrauen auf, unerschütterlich festhalten an“. Die säkulare Bedeutung ist aber deutlich schwächer und sagt nur soviel wie „nicht genau wissen, zurzeit für richtig halten, als zutreffend annehmen“. Es handelt sich um die Differenz zwischen „belief“ und „faith“ im Englischen. Beide Bedeutungen werden im Deutschen leider mit nur einem Wort wieder gegeben.

Dagegen schrieb Hans Kelsen in seinem Buch an, und der Titel ist dabei Programm: Die Schrift befasst sich in 14. Kapiteln ausführlich mit der Fehlinterpretation von säkular-humanistischen Strömungen der Moderne als neue religiöse Bewegungen, die in der christlichen Tradition stehen und geistig auf jüdisch-christlichen Grundlagen ruhen, auch wenn oder gerade weil sie sich gegen diese wenden. Diese Streitschrift von Hans Kelsen, dem Mitschöpfer der österreichischen Bundesverfassung von 1920, wurde von ihm allerdings im Jahre 1964 vor der Drucklegung zurückgezogen. Das Hans-Kelsen-Institut in Wien hat sich nun entschlossen, das interessante Werk posthum zu veröffentlichen.

Detailreich und fundiert wandert Kelsen durch die Philosophiegeschichte der Aufklärung und deren Vereinnahmung durch christliche Theologen und Philosophen, die er als unhaltbar entlarvt. Er weist zum Beispiel nach, dass Eschatologie nichts mit Fortschrittsdenken zu tun hat und dass scheinbare Parallelen auf der Fehldeutung und dem Missverständnis von Begriffen beruhen. Die Vergleiche von theologischen Konzepten mit aufgeklärter Philosophie sind konstruiert und hinken gewaltig. Es zeugt zum Beispiel von völliger Unkenntnis der Wissenschaft, wenn diese als eine moderne Form der „Gnosis“ interpretiert wird. Vor allem aber wendet sich Kelsen gegen die Theologisierung der Geschichte, die überall eine Tendenz auf ein religiöses Ziel hin oder eine eschatologische Vollendung zu erkennen glaubt und dabei versucht, alle säkularen Strömungen als „christliche“ Bewegungen zu vereinnahmen bzw. umzudeuten. Er geht dabei vor allem chronologisch vor; nach allgemeinen Kapiteln zur Parallelismuskritik und zur Fortschrittsdoktrin beginnt er bei Augustinus, streift die englischen und französischen Aufklärer und schreitet bis in seine Gegenwart voran.

Wie absurd und selbstdisqualifizierend die Argumente der theologisch motivierten Autoren dabei sind, zeigt als ein Beispiel unter vielen das Zitat von Sertillanges allzu deutlich (Seite 194): Marx hängt bewiesenermaßen von der christlichen Lehre ab. Die Tatsache, dass er den Glauben bekämpft, ändert nichts daran. Wir sehen also, Anti-Christentum ist nichtsdestotrotz Christentum. Da hilft es auch nichts, wenn Heidegger festhält (Seite 250): Jede Auslegung muss darauf pochen, unvermerkt Eigenes aus ihrer Sache dazugeben können. Diese Beigabe ist dasjenige, was der Laie, gemessen an dem, was er ohne Auslegung für den Inhalt des Textes hält, notwendig als Hineindeuten und Willkür bemängelt. Offensichtlich ist hier der so genannte „Laie“ im Recht, dieser Standpunkt kann der Kritik nicht standhalten.

Gegen andere Behauptungen unterscheiden sich säkulare Weltzugänge von religiösen Deutungen fundamental. Das beginnt schon beim Frageverbot in Bereichen der Theologie, also bei der dogmatischen Zensur. Aber auch bei der Begründung von Ethik, bei der Verwendung des Begriffs „Glauben“, bei der Welt- und Geschichtsdeutung und bei vielen anderen Punkten sind die Zugänge inkommensurabel, weil sie jeweils von einer völlig anderen Basis ausgehen. Der Säkularismus nimmt nämlich seinen Ausgangspunkt vom Menschen und nicht von irgendeinem Gott. Einer der Schlüsselsätze Kelsens lautet daher (Seite 269): Es kann wohl keinen Zweifel geben, dass die modernen Demokratien Hand in Hand mit einer Emanzipation von Religion einhergehen.

Hans Kelsen, der „Jurist des 20. Jahrhunderts", entstammte einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Prag, woselbst er 1881 geboren ist, wuchs aber in Wien auf. 1905 konvertierte er aus pragmatischen Gründen zum Katholizismus, 1912 wechselte er zum Augsburger Protestantismus. Er studierte in Wien und Heidelberg Rechtswissenschaften und wurde 1917 Professor für Recht an der Universität Wien. Nach der Gründung der Republik Deutschösterreich wurde Kelsen im März 1919 federführend mit der Ausarbeitung der Verfassung des neuen Staates beauftragt, die in ihren Grundzügen bis heute gültig ist. Im selben Jahr wurde Kelsen – als Parteiunabhängiger – Mitglied des Österreichischen Verfassungsgerichtshofes. 1930 verließ Kelsen Österreich aus politischen Gründen und gelangte über Umwege 1940 schließlich in die Vereinigten Staaten, wo er ab 1945 als Professor für Politikwissenschaften in Berkeley lehrte. Dort verfasste er auch die Streitschrift „Secular Religion“. Nach 1945 wurde er Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, kam aber nicht nach Österreich zurück. Er starb 1973 in Orinda bei Berkeley/Kalifornien.

Kelsens Bestrebungen, das Recht einer formalen Analyse zu unterziehen, waren prägend für den deutschsprachigen Raum. Aus methodologischen Gründen wendete er sich strikt gegen das „Naturrecht“ und begründete das positive Rechtsverständnis mit seiner Forderung nach einer „reinen“ Rechtslehre. Berühmt ist auch sein heute immer noch relevanter Kommentar zum Recht der Vereinten Nationen. Als der Begründer der modernen Verfassungsgerichtsbarkeit verfolgte er den Gedanken, dass die Rechtsgebung durch ein unabhängiges Gericht kontrollieren werden soll, um Rechtssicherheit herzustellen. Damit kann eine einheitliche Rechtsanwendung gewährleistet und eine Verstrickung in rechtliche Widersprüche verhindert werden. Es ging ihm dabei vor allem auch um die Verhinderung von Willkür und von anlassbezogener Gesetzgebung, wie es zum Beispiel unter der Regierung Berlusconi gang und gäbe gewesen ist.

Das Buch ist nicht nur wegen seiner fundierten Zusammenfassung der geistes- und kulturgeschichtlichen Entwicklungen der Neuzeit lesenswert, es ist auch ein Plädoyer für eine sekulare Weltdeutung ohne jede Rückbindung (Religion), die sich einem rationalen Zugang zu allen Fragen verschreibt und dabei nicht auf eine höhere Macht vertraut. Er schließt sein Buch mit dem viel sagenden Satz (Seite 271): Wissenschaft kann nur beschreiben und erklären; sie kann die Realität nicht rechtfertigen. Sie hat die innewohnende Neigung unabhängig von Politik zu sein, und kann in der Beschreibung und Erklärung seiner Gegenstände – als ein rationales und objektiviertes Verständnis der Wirklichkeit – nicht von der Existenz einer transzendenten Autorität jenseits aller menschlichen Erfahrung ausgehen.


Hans Kelsen

Secular Religion

A Polemic against the Misinterpretation of Modern Social Philosophy, Science and Politics as „New Religion“
Herausgegeben von Robert Walter, Clemens Jabloner und Klaus Zeleny (Hans-Kelsen-Insitut Wien)
Springer Verlag, Wien 2012
294 Seiten, ISBN 978-3-7091-0765-2

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Wednesday, June 15, 2011

Moral Landscape

Die moralische Landschaft ist ein Gebiet, das Gipfel und Täler aufweist, ein Bergauf und Bergab. Es ist kein fester Ort, in der es nur eine Lösung für moralische Fragen gibt, sondern eine Region, die mehrere optimierte Möglichkeiten offen lässt. Allerdings gibt es „bessere“ und „schlechtere“ Lösungen. Die besseren führen in die Höhe, die schlechteren in die Depression. Das ist das Bild, das Sam Harris in seinem Buch „The Moral Landscape“ zeichnet. Und dieses Bild nimmt er als Grundlage, um im Weiteren zu untersuchen, welche Moralvorstellungen somit „besser“ als andere sind. Es geht ihm um ein Kriterium, dass uns zeigen kann, welche Wege wir als Individuen und Gesellschaft einschlagen und welche wir meiden sollten. Denn es gibt Wege, die objektiv das Wohlergehen und die Blüte einer Gesellschaft und deren Individuen fördern, und solche, die das Gegenteil bewirken. Mit seinem Buch wendet sich Harris gegen den ethischen Relativismus, auch wenn er zugibt, dass es mehr als eine Lösung geben mag. Aber er schränkt ein, dass es Lösungen gibt, die nicht zielführend sind, da sie sich negativ auf die Gesellschaft auswirken und somit eine Blüte verhindern. Darum ist es nicht egal, welchen moralischen Doktrinen wir Gehör schenken. Sie müssen zuerst geprüft werden, geprüft auf ihre individuellen und gesellschaftlichen Folgen. Und nach Harris ist das letzten Endes eine wissenschaftlich-empirische Frage.
Es geht Harris also darum, den ethischen Relativismus zu beseitigen, der zurzeit so „en vogue“ ist. Mit vielen Beispielen führt er die undifferenzierte Gleichbehandlung aller Wertesysteme ad absurdum. Wenn es Werte gibt, dann kann man sie auch vergleichen und auf ihre Tauglichkeit hin prüfen. Das Schlüsselzitat dafür stammt von Donald Symons: If only one person in the world held down a terrified, struggling, screaming little girl, cut off her genitals with a septic blade, and sewed her back up, leaving only a tiny hole for urine and menstrual flow, the only question would be how severely that person should be punished, and whether the death penalty would be a sufficiently severe sanction. But when millions of people do this, instead of the enormity being magnified million-fold, suddenly it becomes “culture”, and thereby magically becomes less, rather than more, horrible, and is even defended by some Western “moral thinkers”, including feminists.
Die Sache verhält sich analog zur Medizin: Auch hier lässt sich nicht wirklich eindeutig sagen, was die Gesundheit eigentlich ist, außer vielleicht negativ als Abwesenheit von Krankheit. Dennoch lässt sich in praxi feststellen, was ihr förderlich ist und was ihr schadet.
Da Harris neben Philosophie an der Stanford University vor allem auch Neurologie an der UCLA studiert hat, fließen immer wieder auch neuropsychologische Betrachtungen in sein Buch ein. So beschäftigt sich ein eigener Abschnitt mit Psychopathen, um den Zusammenhang von Gehirn und Bewusstsein zu erläutern. Zwangsläufig muss er sich in diesem Zusammenhang auch mit dem freien Willen auseinandersetzen. Trotz seiner berechtigten Skepsis wendet er sich strikt gegen jeden Fatalismus: The freedom to do what one intends, and not to do otherwise, is no less valuable than it ever was. Die Verantwortlichkeit für unsere Taten ergibt sich daher aus den Absichten, die wir verfolgen: What we condemn in another person is the intention to do harm... Die Verantwortung bleibt.
Ein großes Kapitel widmet sich der Religionskritik. Hier schießt er gelegentlich etwas über das eigentliches Ziel hinaus. Die Religionskritik ist sicher berechtigt, nur haben die Beispiele manchmal wenig mit dem Thema des Buches zu tun, nämlich die Begründung, dass auch Moralphilosophie eine empirische Basis braucht. Die Entscheidung für „besser“ oder „schlechter“ liegt in der Wirklichkeit (als Wirkungsgefüge) begründet. Religionen können höchstens als Gegenbeispiele dienen, da sie sich prinzipiell der Prüfung widersetzen.
Sam Harris Buch ist ein Versuch, die Moral wieder in die Welt der erleb- und prüfbaren Tatsachen zurück zu holen, aus der sie sich seit der Aufklärung immer mehr verabschiedet hat. Er geht dabei ganz neue Wege, die absolut beachtenswert sind. Inwieweit sein kluges Konzept aufgeht, wird die weitere Forschung zeigen.


Sam Harris
The Moral Landscape
Free Press, New York 2010
US$ 18,-

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David Hume

Ich gestehe frei: die Erinnerung des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach, und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab. Immanuel Kant, Prolegomena, 1783.

Allein dieser Satz weist auf die Bedeutung von David Hume für Philosophie und Moderne hin. Denn nicht nur auf Kant und Franklin, auch auf Mach und Einstein hatte der Denker entscheidenden Einfluss, um nur die bekanntesten zu nennen. Denn als großer Skeptiker bezweifelte Hume alles, sogar die Gültigkeit der klassischen Geometrie. Für ihn waren alle Fragestellungen rein empirisch zu beantworten und somit keine Angelegenheit der Rationalität.
David Hume wurde vor 300 Jahren (1711) als David Home in Schottland zu einer Zeit geboren, in der trotz christlich-fundamentalistischer Tendenzen durch die allgemeine Alphabetisierung eine weit verbreitete Bildungs- und Lesefreundlichkeit herrschte, die viele große Geister hervorbrachte, unter anderem James Watt und Adam Smith. In Schottland gab es damals die ersten öffentlichen Bibliotheken und insgesamt vier Universitäten! David Hume profitierte von dieser offeneren Atmosphäre, auch wenn er sich in seiner Jugend erst von der Enge seiner Familie lösen musste. Er beschloss, nicht Jurist, sondern Philosoph und Gelehrter zu werden, änderte seinen Namen und ging nach London sowie nach Frankreich.
Leider war Humes Erfolg als Philosoph in seiner Heimat nur mäßig. Sein erstes großes Werk „A Treatise of Human Nature“ bezeichnete er selbst als Totgeburt. In den britischen Annalen wird er meist nur als Historiker genannt, da sein umfangreichstes Werk die mehrbändige Geschichte Englands war, ein gelungener Versuch, Geschichte neutral und ohne nationale Scheuklappen zu schreiben und mit der Kultur- und Literaturgeschichte zu verbinden. Aber auch das machte ihm nicht gerade viele Freunde, da er keiner Partei Zugeständnisse machte. Dennoch verkaufte sich das Werk gut und wurde nach seinem Tod über 100 Mal neu aufgelegt.
Nach seinem „Treatise of Human Nature“ in drei Bänden, in denen er noch einem ausweglosen Pyrrhonismus fröhnte, wandelte sich Hume zum pragmatischen Empiristen und zum liebenswürdigen, humorvollen Gesellschaftsmenschen. Seinen literarischen Durchbruch brachten die „Essays, Moral and Political“. Dennoch war er in seiner Heimat immer wieder Anfeindungen – vornehmlich aus kirchlichen Kreisen – ausgesetzt. Großen Erfolg und Anerkennung genoss er hingegen in Frankreich, wo er zu Lebzeiten als bedeutender Denker der Aufklärung gefeiert wurde. Er war brieflich in Kontakt mit Voltaire und Montesquieu, befreundet mit d’Alembert und Diderot. Für kurze Zeit fungierte Hume gar als Botschaftssekretär in Paris. Er wurde von einem Salon zum anderen gereicht!
Besonders geschätzt wurde von den Franzosen seine Geselligkeit und seine Gesprächskultur. Er liebte die sachliche Diskussion und zollte auch seinen Kontrahenten Achtung, sofern diese nicht feindselig waren und klug argumentierten.
Der für uns vielleicht interessanteste Abschnitt in seinem bewegten Leben ist seine Reise als Gesandtschaftssekretär nach Österreich im Jahre 1748, nicht nur, weil er die kaiserlich-königliche Familie von Österreich-Ungarn (Maria-Theresia und Josef II.) persönlich kennen lernte, sondern weil es davon ein Reisejournal in Form von Briefen gibt, das im vorliegenden Band im Anhang zu finden ist. Unter anderem erfreut er sich darin über den Wohlstand und die Reinlichkeit der Deutschen, mokiert sich über die Armut und Hässlichkeit der Steirer und Kärntner, hebt aber zugleich deren Sangeskunst hervor. Von den Tirolern ist er wieder sichtlich angetan, die norditalienischen Städte entsetzen ihn.
Die Ironie des Schicksals wollte es, dass Hume, der sich schon früh von jeder Religion lossagte, in reiferen Jahren als Unterstaatssekretär des Königs für die Belange der Kirche von Schottland zuständig war, die ihn 1756 beinahe exkommuniziert hätte. Er nutzte sein Amt, um die Gemäßigten in der schottischen Kirche zu unterstützen. Sogar als Bischof von Irland war Hume kurz im Gespräch! Dabei hielt er den Monotheismus für tendenziell intolerant und moralisch für sehr bedenklich.
Zusammen mit John Locke und George Berkeley gehört David Hume zu den Hauptvertretern des englischen Empirismus. Doch welche sind die Erkenntnisse, die ihn so bedeutend für Philosophie und Wissenschaft bis in die Gegenwart machen? Es ist nicht sein Einfluss auf die amerikanische Verfassung durch seine „Political Discourses“ (insbesondere durch den Abschnitt „An Idea of a Perfect Government“). Es sind vor allem einige seiner Kritikpunkte an der rationalen Philosophie, die bis heute ihre Aktualität nicht verloren haben. Ich möchte hier die vier wesentlichsten anführen.1) Kritik am Kausalitätsprinzip: Unser Schluss von Ursache auf Wirkung ist kein rationaler, sondern einer aus Gewohnheit oder Instinkt. Es gibt keine logische Verbindung von Ursache und Wirkung, nur eine empirische. 2) Wunderanalyse: Da eine Zeugenaussage nicht die gleiche Stringenz wie ein Naturgesetz hat, und Wunder geltenden Naturgesetzen widersprechen, sind Wunderberichte nicht glaubwürdig. 3) Humesches Gesetz: Es ist logisch nicht gerechtfertigt, von einem Sein auf ein Sollen zu schließen. Jeder moralischer Schluss setzt normative Prämissen voraus und kann daher nicht „aus der Natur“ hergeleitet werden. 4) Vernunftkritik: Die Vernunft ist leider die Sklavin unserer Emotionen und nicht umgekehrt. Daher gilt es, die Emotionen zu kultivieren.
Stremingers Buch ist nicht nur eine umfassende Bio- und Bibliografie zu David Hume, es geht auch auf die historischen und sozialen Umstände ein. Jedes Werke von Hume erfährt nach der Beschreibung der jeweiligen Entstehungsgeschichte im historischen Kontext auch eine inhaltliche Zusammenfassung sowie eine abschließende Kritik. Trotz der merkbaren Wertschätzung gegenüber David Hume sind auch in den biografischen Abschnitten immer wieder kritische Punkte angemerkt. Wie jeder Mensch ist auch David Hume nicht nur positiv zu sehen – auch er hatte seine Schattenseiten, und sie werden hier nicht unter den Teppich gekehrt. Trotz seines Kampfes gegen den Aberglauben hatte auch er Vorurteile und blinde Flecken. „Ein großer Geist irrt sich so gut wie ein kleiner, jener, weil er keine Schranken kennt, und dieser, weil er seinen Horizont für die Welt nimmt“ (Goethe).
Besonders gelungen ist das vorletzte Kapitel des Buches, worin die letzten Jahre des Philosophen beschrieben werden. Hume starb nach langer, schwerer Krankheit 1776 zufrieden in seinem Haus in Edinburgh. Es ist vor allem deshalb so berührend, weil Humes letzte Sorge der posthumen Veröffentlichung seiner noch unpublizierten Schriften zur Religionskritik, den „Dialogues concerning Natural Religion“ galt. Daneben gab es in klerikalen Kreisen die Erwartung, er werde jetzt in den Schoß der Kirche zurückkehren und seiner Philosophie abschwören. Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht, da Hume bis zuletzt furchtlos gegenüber dem Tod blieb. Was Hume sicher sehr erfreut hätte: genau in jenen Tagen wurde auch die Unabhängigkeit Amerikas proklamiert.
Die Erstauflage dieser Biografie erfolgte bereits 1994, gefolgt von einer Taschenbuchversion 1995. Die überarbeitete Neuauflage durch den Verlag C.H.Beck, die genau rechtzeitig zum 300 Geburtstag von David Hume erschienen ist, wurde durch das Reisejournal aus dem Jahr 1748 ergänzt, die deutsche Übersetzung stammt vom Autor. Gerhard Streminger hat Philosophie und Mathematik in Graz, Göttingen, Edinburgh und Oxford studiert und sich im Laufe dieser Studien immer mehr auf David Hume spezialisiert. Das drückt sich auch in zahlreichen Publikationen zu David Hume aus, wobei diese spannende und detailreiche Biografie sicher einen Höhepunkt darstellt.

Gerhard Streminger
David Hume
Der Philosoph und sein Zeitalter
C.H.Beck, München 2011
798 Seiten, € 34,- [D], € 35,- [A]

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Friday, December 31, 2010

Der Kodex des Archimedes

Nach 2200 Jahren taucht ein verloren geglaubter Kodex des antiken Mathematikers Archimedes von Syrakus wieder auf, allerdings in Form eines Palimpsests. Das heißt, der Originaltext auf dem teuren Pergament wurde abgeschabt und neu überschrieben. Das Buch erzählt nun die abenteuerliche Geschichte des unbekannten Textes sowie seine schwierige Entschlüsselung. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Archimedes war seiner Zeit weit voraus und beschäftigte sich tatsächlich bereits mit Dingen, die scheinbar erst in der Neuzeit als mathematische Disziplinen neu entwickelt wurden, zum Beispiel mit Kombinatorik.
Das Buch enthüllt nicht nur die mathematischen Überlegungen eines klassischen Genies, es zeigt auch die schwierige und nur interdisziplinär lösbare Sichtbarmachung des griechischen Originaltextes. Es ist spannend wie ein Kriminalroman geschrieben und gibt dadurch auch einen Einblick in die Methoden und Probleme bei der Entzifferung alter Palimpseste, die nur in fächerübergreifender Teamarbeit möglich ist. Daneben lässt der Autor immer wieder eigene Betrachtungen einfließen, die einen kulturgeschichtlichen Kontext herstellen. Leider wandelt sich seine anfängliche Wut über die mutwillige und von Unkenntnis geprägte Zerstörung des Originaltextes zum Schluss in Bewunderung für den Überschreiber, weil er so den Text für uns unbewusst bewahrt hat. Aber genauso gut lässt sich einwenden, dass die christliche Geringschätzung der Wissenschaften erst zum Verlust solcher Texte von Bedeutung geführt hat, die ansonsten kopiert oder zumindest nicht zerstört wären.
Bei der Abbildung 10.8 auf der Seite 255 ist es leider zu kleinen Fehlern gekommen, da die Figuren 4/5, 5/6 und 5/8 (Zeile/Spalte) keine Lösungen des kombinatorischen Problems darstellen. Ob diese grafischen Fehler bereits im Original oder erst bei der deutschen Ausgabe auftreten, kann ich nicht sagen.
Das Buch ist sehr lesenswert und verleiht einen guten Einblick in die Widrigkeiten der Wissenschaften von einst und von heute. Forschung ist nun einmal forensische Kriminaltechnik, auch ohne Täter...





Reviel Netz & William Noel:
Der Kodex des Archimedes
Aus dem Englischen von Thomas FilkDeutscher Taschenbuch Verlag, München 2010

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Wednesday, December 15, 2010

Die Wissenschaftslüge

Wer eine unterhaltsame Einführung in die Höhen und Tiefen der medizinischen Forschung und des medizinischen Marktes haben möchte, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens ans Herz legen. Es ist erfrischend locker und verständlich geschrieben und dennoch nicht oberflächlich. Ein Aufdeckungsbuch, das viele Verfahren der gängigen Heilpraxis als Unfug entlarvt. Zugleich wird man im kritischen Denken geschult und bekommt eine Einführung in wissenschaftliche Methodik und ihre Grenzen. Der Schlüssel zum Verständnis des Buches ist sicher das Kapitel zur Statistik, das zeigt, wo und wie mit Statistiken Schindluder getrieben wird und welche Rolle die Medien dabei spielen. Aber auch hier bleibt er aber anschaulich und verständlich.
Besonders interessant fand ich das Kapitel „Und jetzt wird Sie der Arzt verklagen“, in dem Goldacre seinen Prozess mit dem Vitaminpillen-Vertreiber Matthias Rath behandelt. Er deckt darin nicht nur die dubiosen Geschäfte von Herrn Rath auf, er zeigt auch, welchen verheerenden politischen Einfluss Herr Rath in der AIDS-Prävention von Südafrika einnahm. Seine südafrikanische Firma verbreitete die Ansicht, das der HI-Virus nicht die Ursache für AIDS sei und dass sein Vitaminpräparat die besseren Heilungserfolge liefere als eine klassische HIV-Behandlung. Leider stießen seine Ansichten beim südafrikanischen Präsidenten auf ein offenes Ohr, sodass sich die Regierung bis 2003 weigerte, die antiretrovirale Behandlung einzuführen. Die Folgen waren katastrophal. Es wird geschätzt, dass 330.000 Menschen deshalb unnötigerweise starben.
Viele Aussagen zu Heilerfolgen in der Pharma-Industrie und in den Medien stützen sich nur auf Einzelstudien, die ganz allgemein kaum wissenschaftlichen Wert haben, auch wenn sie sauber durchgeführt worden sein sollten (was sie aber oft nicht sind). In der Folge kommt es dann zu Missdeutungen und nicht selten auch zur Panikmache. Das ist zwar dem klaren Blick nicht gerade förderlich, wohl aber den Verkaufszahlen.
Goldrace gelingt es in seinem Buch, dem Problem der falschen Berichterstattung und der bewussten Verschleierung oder Irreführung auf den Grund zu gehen und so eine Hilfestellung für die Beurteilung von Therapien und Heilmitteln zu bieten. Er verweist da vor allem auf die Cochrane-Stiftung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, durch Metastudien die besten und wirkungsvollsten Heilverfahren am Markt zu eruieren. Manchem mag der etwas saloppe Sprachstil stören, dennoch ist das Buch ein Muss für jeden, der nicht blauäugig dem medizinischen Markt ausgeliefert sein will.





Ben Goldacre
Die Wissenschaftslüge
Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main 2010
€ 10,30

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Monday, November 09, 2009

Der Herr ist kein Hirte...

„Wie Religion die Welt vergiftet“ – dieser Untertitel des neuen Buches von Christopher Hitchens, ein in Washington lebender Literatur- und Kulturkritiker aus England, trifft genau den Inhalt des Buches. Provokant und ohne Umschweife belegt er mit vielen historischen und aktuellen Beispielen, welchen verheerenden Einfluss Religionen auf unsere Gesellschaft haben und hatten. Dabei verweist er immer wieder auf die Erkenntnis, die bereits von David Hume aufgezeigt wurde, dass eine metaphysisch gestützte Moral (eine Ethik, die von einer höheren Instanz stammt) zu unmenschlichen und grausamen Handlungen führt, die, da sie im Namen Gottes vollzogen werden, eine scheinbare Rechtfertigung erfahren. Doch genau das ist Unmoral.
Religion ist demnach ein unmenschliches Programm, weil sie ja vorgeblich von einem „unmenschlichen“ Wesen stammt. Sie verbreitet Furcht, Intoleranz, Sexismus, Gewalt, Missbrauch und steht daher einem menschenwürdigen Zusammenleben im Wege.
Eine gute Welt braucht (...) keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden. Sie braucht furchtlosen Ausblick auf die Zukunft (Bertrand Russell 1927).
Hitchens Buch ist eine gute Lektüre für alle, die sich gegen Übergriffe von Religionen auf Menschenrechte und Menschenwürde wappnen möchten, auch wenn die Übersetzung stellenweise etwas holprig ist.



Christopher Hitchens
Der Herr ist kein Hirte
Karl Blessing Verlag, München 2007

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Wednesday, July 15, 2009

Theorie der Unbildung

„Das, was Bildung seit jeher von Unbildung schied, die Fähigkeit zu einer reflexiven Distanz, gilt heute schlicht als Kulturpessimismus.“ – Mit diesem Zitat aus Konrad Paul Liessmanns kleinem Manifest ist eigentlich alles gesagt. Dem Wiener Philosophen und Studienprogrammleiter für Philosophie und Bildungswissenschaft geht es in diesem Buch allerdings weniger um eine elaborierte Theorie der Unbildung, wie es der Titel evoziert, als vielmehr um eine Kritik an der geistlosen und bildungsfeindlichen Reformwut in unserer so genannten Wissensgesellschaft. Natürlich macht er an vielen Beispielen klar, wie und wo sich Unbildung in unserer Gesellschaft manifestiert, eine theoretische Fundierung ist aber nur in Ansetzen vorhanden – vielleicht auch gar nicht möglich. Daher befasst sich der Autor vor allem mit den strukturellen und sozialen Ursachen der immanenten Tendenz zur Unbildung in unserer Gegenwartskultur.
Hier nur eine ganz kursorische Zusammenfassung: Wissen wird in unserer Gesellschaft derzeit degradiert und diffamiert, operative Informationen treten an seine Stelle, das ganze mündet dann in ein inhaltlich entleertes Wissensmanagement. Das ist Ausdruck einer Geisteshaltung, der es nicht mehr um Wissen, sondern nur noch um Verfahren zur Informationsverarbeitung geht. Die Frage nach Inhalt und Weltbezug ist verpönt. Der operative Erfolg ersetzt den Wahrheitsgehalt. Es geht nicht mehr darum, was ich lerne, sondern nur noch darum, wie ich lerne! Methode steht für Inhalt. Sachzwänge steuern die vermeintlich „freiwilligen“ Entscheidungen des Individuums. Wir sind zwar frei, haben aber keine andere Wahl. War Reform früher eine Rückführung in eine alte und bewährte Form, ist sie heute unhinterfragter Selbstzweck. Reform gebiert Reform und bringt keine beständige Form (Bildung) mehr hervor. Alles bleibt provisorisch und mangelhaft, der klassische Weg der kleinen Schritte gilt als kleinkariert und innovationsfeindlich. Bevor eine Reform noch greifen kann, ist auch schon die nächste im Anmarsch. Was aber Konrad Paul Liessmann dabei besonders aufstößt, ist, dass sich dieser Prozess auch jeder Kritik entledigt. Ein kritischer Geist ist nicht erlaubt, beurteilt wird nach Maßgaben des Marktes, der nicht hinterfragt werden darf. Das Zauberwort heißt „Evaluation“. Evaluiert wird aber nicht Wissen oder Bildung, sondern Prozedur und operative Leistung – Kant bliebe da wohl auf der Strecke. Der sichtbare Effekt, nämlich die sich ausbreitende Unbildung, die spätestens durch PISA offenkundig geworden ist, erzeugt wieder einen Reformzwang und zugleich den Ruf nach Eliten. Was Jahrzehnte gezielt bekämpft wurde, wird jetzt unhinterfragt wieder eingefordert. Wenn die Bildungsreformen nicht funktionieren, dann sollen neue Eliten das provozierte Defizit wettmachen. Und das bildungspolitische Newspeak unterstützt diese hermetische Elitenbildung. Damit würde aber Wissen wieder zu einem esoterischen Monopol werden, eine Entwicklung, der die bildungsfreundliche Aufklärung mit Vehemenz entgegengetreten ist. Wissensmonopole erzeugen dogmatisches Scheinwissen, nur ein öffentliches Wissen hat Aussicht auf Korrektur. Dass das alles Irrwege sind, sollte nicht nur durch die Argumente von Liessmann einleuchten. Wenn er allerdings die neue Rechtschreibung als symptomatisch für den falschen Weg anprangert, dann schießt er meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus. Dass sich eine lebende Sprache verändert, ist evident, dass beim Anpassungsprozess einiges schief gelaufen ist, ist eine andere (vor allem politisch verpfuschte) Sache.
Die mutige Streitschrift von Konrad Paul Liessmann, die viele Aspekte der modernen Wissensgesellschaft als Farce entlarvt, sollte ein Standardwerk für all jene sein, die in der Bildungslandschaft oder in der Bildungspolitik tätig sind. Jedenfalls wird damit eine kritische Haltung in unserer so affirmativen und widerspruchsarmen Zeit gebildet!





Konrad Paul Lissmann
Theorie der Unbildung
Paul Zsolnay Verlag 2006



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Monday, September 22, 2008

Humanistisches Manifest

In seinem Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur stellt Michael Schmidt-Salomon, Philosoph und Vorstand der Giordano-Bruno-Stiftung in Mastershausen, seine Überlegungen für eine neue ethische Grundhaltung vor, die auf eine moderne und wissenschaftlich gestützte „conditio humana“ abzielt. Er geht dabei gemäß dem Leitspruch Goethes vor: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion.“ Eine andere Form von Religion ist nicht erforderlich. Es bedarf keiner Dogmen und Glaubenssätze, keiner Rückbindung an etwas Göttliches. Daher lässt er den zweiten Teil des Goethe-Zitats nicht gelten: „Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.“ Hier setzt sein aufklärerischer Impetus ein, der die Menschen nicht in der „fremdverschuldeten“ Unmündigkeit belassen will. Und herkömmliche, dogmatische Religion ist hier hinderlich. Er spart daher nicht mit Religionskritik.
In seinem Manifest schließt er auch Rechte für Tiere mit ein. Es geht ihm nämlich um die Gleichberechtigung aller „Personen“ sowie um die Anerkennung der Leidfähigkeit von Tieren. Daraus leitet er seine zivilisatorischen Forderungen ab, die an die klassischen Ideen der Aufklärer und Humanisten anknüpfen. Dabei behält er aber stets die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie über das Wesen des Menschen im Auge, allerdings ohne seine Ethik naturalistisch begründen zu wollen. Er betont selbst, dass das ein grober Fehler wäre. Sein Ansatz ist ein durchwegs epikuräischer. Letztendlich landet er bei der Goldenen Regel, dem ethischen Leitgedanken eines jeden „eigennützigen Altruisten“.
Meines Erachtens gelingt es Schmidt-Salomon mit diesem Büchlein, einen Entwurf für eine moderne Leitkultur vorzulegen, obwohl die Latte ziemlich hoch gelegt ist. Dabei ist er bestrebt, in seiner Argumentation frei von Ideologie und Dogmatismus zu bleiben. Dadurch erweist sich seine Ethik als nicht weltfremd. Das Buch ist jedenfalls eine gewinnbringende Inspirationsquelle für alle unvoreingenommen denkenden Menschen.

Michael Schmidt-Salomon
Manifest des Evolutionären Humanismus
Alibri Verlag, Aschaffenburg 2006 (2. Auflage)

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Friday, September 12, 2008

Der Herr ist kein Hirte

„Wie Religion die Welt vergiftet“ – dieser Untertitel des neuen Buches von Christopher Hitchens, ein in Washington lebender Literatur- und Kulturkritiker aus England, trifft genau den Inhalt des Buches. Provokant und ohne Umschweife belegt er mit vielen historischen und aktuellen Beispielen, welchen verheerenden Einfluss Religionen auf unsere Gesellschaft haben und hatten. Dabei verweist er immer wieder auf die Erkenntnis, die bereits von David Hume aufgezeigt wurde, dass eine metaphysisch gestützte Moral (eine Ethik, die von einer höheren Instanz stammt) zu unmenschlichen und grausamen Handlungen führt, die, da sie im Namen Gottes vollzogen werden, eine scheinbare Rechtfertigung erfahren. Doch genau das ist Unmoral. Religion ist ein unmenschliches Programm, weil sie ja vorgeblich von einem „unmenschlichen“ Wesen stammt. Sie verbreitet Furcht, Intoleranz, Sexismus, Gewalt, Missbrauch und steht daher einem menschenwürdigen Zusammenleben im Wege. Eine gute Welt braucht keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden. Sie braucht furchtlosen Ausblick auf die Zukunft (Bertrand Russell 1927).
Hitchens Buch ist eine gute Lektüre für alle, die sich gegen Übergriffe von Religionen auf Menschenrechte und Menschenwürde wappnen möchten, auch wenn die Übersetzung stellenweise etwas holprig ist.

Christopher Hitchens
Der Herr ist kein Hirte
Karl Blessing Verlag, München 2007

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Saturday, August 30, 2008

Heiliges Land

Auf der Heunburg stand heuer das Stück "Heiliges Land" von Mohamed Kacimi auf dem Programm. Es war aufwühlend und mitreißend zugleich. Es handelt vom Leben im Chaos, vom politischen Wahnsinn, von Vorurteilen und gegenseitigen Schuldzuweisungen, von Selbstgerechtigkeit und Hass. Und dass chauvinistische Ehre mehr zählt als das Leben eines Kindes, sowie von einem kleinlichen Gott, der sich um den Konsum von Arrak kümmert: alles andere ist offensichtlich nebensächlich. Der einzige Ausweg scheint der Alkohol oder der Tod. Nur die so genannte Hure schafft rechtzeitig den Absprung.

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Wednesday, January 31, 2007

Wahrheit – Ein Wegweiser für Skeptiker

Den Sinnen hast du dann zu trauen,
Kein Falsches lassen sie dich schauen,
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
Johann Wolfgang Goethe



Nichts ist umstrittener als der Begriff Wahrheit. Alle möglichen Gruppierungen beanspruchen ihn allein für sich. Wechselseitige Verdächtigungen und Ablehnung des anderen (bis hin zur Auslöschung) sind die Folge. Daher scheint die Kritik prima facie verständlich, die (mit Wahrheitsanspruch) behauptet, dass der Begriff Wahrheit mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Doch kommen wir auch wirklich ohne dieses Konzept aus? Simon Blackburn, Philosoph in Cambridge, fühlt in seinem Buch „Truth – A Guide for the Perplexed“ diesem Begriff auf den Zahn. Er versucht darin, den Gehalt und die Bedeutung zu ergründen sowie die Veränderungen, die das Konzept im Laufe der Zeit erfahren hat, nachzuzeichnen.
Daraus ergibt sich der Befund, dass die Philosophie dabei nicht immer hilfreich ist. Das gilt insbesondere für die Gegenwartsphilosophie. Dennoch bemüht sich Blackburn, die Argumente und Gedankengänge der „Relativisten“ und „Postmodernisten“ nachzuvollziehen. Denn nur wenn diese Strömungen verstanden werden, kann ihnen auch etwas entgegengesetzt werden. Denn es ist sicher nicht egal, was für wahr gehalten wird oder woran Mann und Frau glaubt. Die Gefahr wird sehr treffend durch folgende Sentenz charakterisiert: Die Welt wird einem gleichgültig, wenn alles gleich gültig ist.
Letztendlich geht es um die Bedeutung unserer Gedanken und Redeweisen und der daraus folgenden Handlungen. Und Handlungen schaffen Tatsachen – wie das Wort selbstredend verkündet. War früher die Skepsis eine völlige Enthaltung von Urteilen, geboren aus der Einsicht in die Unvollkommenheit und Subjektivität der eigenen Weltsicht sowie aus Angst vor Dogmatismus, ist das moderne Pendant dazu zu einer Anerkennung aller widersprüchlichen Meinungen verkommen. Die Folge ist ein Aufblühen von unbegründeten Lehren ohne Rückendeckung in jede erdenkliche Richtung: Prophetie, Astrologie, Voodoo, Geomantik, Radiästhesie, Homöopathie, Wunder, Engel, Okkultismus, Satanismus, Aliens, Kreationismus, Management-Strategien, Psychotherapien, heilende Steine und viele andere Dogmatismen.
Blackburn sieht in dieser Entwicklung eine Gefahr für die Welt, obwohl er die Argumente der postmodernen Relativisten zum Teil anerkennt. Das Gegenstück – ein unverhohlener Absolutismus – ist ihm ebenfalls verdächtig. Doch wo liegt die goldene Mitte? Der Besitz der Wahrheit ist eine Sache, das Wesen der Wahrheit jedoch eine ganz andere.
Letztendlich kommt Blackburn zu dem Schluss, dass beide Seiten keine großen Siege davongetragen haben. Das Projekt der „Ersten Philosophie“ – einer alles begründenden Legitimation – ist jedenfalls als Illusion enttarnt. Wir können nicht aus der Welt heraustreten und sie von Außen objektiv betrachten. Doch heißt das, dass Erkenntnis unmöglich ist? Seine Antwort darauf lautet nein. Sobald ein wissenschaftliches Problem ausschließlich das Problem selbst ist, erscheint der Relativismus nur als unnötige Ablenkung. Daher sollten wir uns ohne weiteres und vor allem von wissenschaftlich begründeten Theorien inspirieren lassen, trotz aller Vorbehalte und Vorläufigkeit.


Simon Blackburn: Wahrheit – Ein Wegweiser für Skeptiker. Aus dem Englischen von Andreas Hetzel. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Primus Verlag), Darmstadt 2005.

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